Cyclamen
Robin Logan
Einleitende Zusammenfassung: Das emotionelle Bild von Cyclamen
wird entwickelt. Die essentiellen Eigenschaften
sind: starke Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewußtsein, Gefühl der Verlassenheit,
versteckt gehaltener Kummer, Selbstbetrachtung. Das Naheverhältnis zwischen Cyclamen und Pulsatilla wird neben
den unterscheidenden Merkmalen betont.
Wir finden 5
Hauptelemente, die das Cyclamen-Bild[1] am besten umschreiben. Kombiniert man
die folgenden fünf Rubriken aus dem Geistes-Gemüts-Bereich des Repertoriums,
dann findet man Cyclamen als das einzige in allen Rubriken vertretene Mittel:
Gewissenhaft
in Kleinigkeiten (conscientious about trifles).[2]
Wahnvorstellung,
er hat seine Pflicht versäumt (delusion, he has neglected his duty).
Gefühl
der Verlassenheit (forsaken feeling).
Kummer,
zurückgehaltener (grief, undemonstrative).
tadelt
sich selbst, Selbstvorwürfe (reproaches
himself).
Es folgen nun die zentralen
Elemente von Cyclamen, wie sie sich
für mich darstellen:
Die zweite Rubrik
erscheint mir die zentralste zu sein. Cyclamen
Patienten zeigen immer diese Charakteristik des Pflichtbewußtseins. Auch andere Mittel haben diese Eigenschaft,
besonders Aurum, Lycopodium, Pulsatilla,
Ignatia, Hyoscyamus und Natrium-arsenicosum. Trotzdem gibt es kein Mittel das diesen
Charakter so vielfältig im Repertorium vertritt, zB:
Wahnvorstellung, er ist ein Verbrecher (delusions, he is a criminal).
er hatte ein Verbrechen verübt (he had committed a crime).
er ist angefeindet, gehindert, gequält (he is persecuted).
er hat unrecht getan (fancies he has done wrong).
er hat seine Pflicht versäumt.
Die Pflanze Cyclamen präsentiert mit gebeugtem Kopf
und zurückgelegten Blättern das eindrucksvollste Bild wahrer Demut. Man kann sich leicht vorstellen daß die
kleine Pflanze sagt: "Es tut mir leid, bitte vergib mir".
Wie man es nach dem
eben Angeführten erwarten würde, findet sich das Mittel in der Rubrik
"Gewissensangst" (anxiety of
conscience).
Dies, gemeinsam mit der
"Gewissenhaftigkeit in Kleinigkeiten" ist der Ausdruck des
Pflichtbewußtseins von Cyclamen. Ein derartiger Charakterzug kann sich
natürlich in unterschiedlichster Art ausdrücken, aber der Cyclamen Patient wird sich sklavisch und gewissenhaft seiner
Familie, seiner Arbeit oder einer anderen Person in seinem Leben widmen.
Der Grund wieso eine
Person überhaupt in diesen Zustand gerät
kann vielfältig und unterschiedlich sein, auch ist es ja nicht immer
notwendig die Ursache aufzuklären um zum heilenden Mittel zu finden. Wir finden jedoch zwei grundsätzliche
auslösende Ursachen. Es ist wichtig
sich diese zu merken - und sie sind Teil von dem, was ich für die Kern-Symptomtik von Cyclamen halte. Beide
Ätiologien sind eine wesentliche Hilfe um dieses Mittel von anderen, ähnlichen
Mitteln zu unterscheiden.
Das Gefühl verlassen zu
sein, eine Cyclamen-Charakteristik,
ist eine der ätiologischen Ursachen.
Diesem Symptom liegt auch die Ähnlichkeit Cyclamens zu Aurum,
Hyoscyamus und Pulsatilla
zugrunde. Das Verlassenheitsgefühl
hilft Cyclamen von Lycopodium, Ignatia und Natrium muriatikum, welche in dieser
Rubrik nicht vorkommen, zu unterscheiden.
Studenten fragen oft,
wieso Ignatia und Natrium muriatikum, obwohl sie 'Kummer-Mittel'
sind, nicht in dieser Rubrik aufscheinen.
Verlassenheitsgefühl ist ja das "Gefühl" im Stich gelassen
oder zurückgestosssen zu sein, das Gefühl nicht gewollt zu werden. Gäbe es die Rubrik "Leiden, seit er in
Stich gelassen wurde", die beiden Mittel würden dort zu finden sein, aber
beide fühlen es nicht oder können dieses Gefühl nicht bewußt wahrnehmen.
Die andere Ursache, auf
die man den Fall aufbauen kann, ist Kummer. Schaut man sich die Rubrik
"Leiden von Kummer, nicht gezeigtem" (ailments from grief, undemonstrative) an, findet man darin nur
zwei Mittel, Ignatia und Cyclamen. Meinem Gefühl nach ist diese Rubrik zwar inkomplett, trotzdem
aber sehr hilfreich.
"Stiller
Kummer" (silent grief) ist
anders; das ist ein Kummer der komplett unterdrückt ist und nicht ausgedrückt
wird, es ist etwas, daß man in anderen, den Ignatia
nahestehenden Mitteln finden könnte.
Trotzdem - die Tendenz
den Kummer nur dann rauszulassen, wenn man alleine ist, oder auf eine Art, die
es sicherstellt, daß man damit niemanden zu nahe zu tritt - ein mutiges Gesicht
in Gesellschaft aufzusetzen - das ist eine starke Charakteristik von Ignatia und Cyclamen.
Beinhaltet ein Fall
alle Grund-Symptome außer dem nichtgezeigten Kummer, wird man zwischen Cyclamen, Aurum und Pulsatilla zu differenzieren haben, da Aurum und Pulsatilla in
allen anderen Rubriken vorkommen. Darum
muß man über die Rubriken des Repertoriums hinausgehen und den Aurum-Zustand verstehen, einen Zustand
der aus mangelndem Selbstwertgefühl herrührt.
Die Aurum-Person versucht
ihren Selbstwert wieder zu finden. Sie muß sich selbst beweisen, daß sie etwas
wert ist, wohingegen der Cyclamen
Zustand nicht so selbst-zentriert ist.
Die Motivation von Cyclamen
ist weniger egoistisch und eher zu anderen Gefühlen hin orientiert. Es ist ein Zustand wahrer Demut.
So wie Ignatia das weibliche Nux vomica genannt wurde, könnte man Cyclamen als weibliches Aurum bezeichnen. Bis jetzt habe ich noch keine männlichen Cyclamen-Patienten getroffen. Ein großer Unterschied zwischen den beiden
ist, daß sogar im Moment tiefster Verzweiflung und Depression der Cyclamen-Patient nie über Selbstmord
nachdenken wird oder den Tod in der Art sehnt wie es für Aurum in solchen Zeiten typisch ist. Man kann Cyclamen nicht
in den Rubriken "Selbstmord" (suicidal),
"wünscht den Tod" (desires
death), "Todesahnung" (presentiment
of death) oder "Todesgedanken" (thoughts of death) finden.
In einem meiner Fälle war dies die einzige Möglichkeit um zwischen Aurum und Cyclamen zu differenzieren.
Pulsatilla wird wohl öfter an Cyclamen-Patienten verabreicht als jedes andere Mittel. Cyclamen-Patienten
scheinen am ehesten zwischen Pulsatilla
und Natrium-muriatikum zu stehen. Sie
sind weniger weich und abhängig als Pulsatilla
und haben einiges von Natrium muriatikums
Selbst-Genügsamkeit und Unabhägigkeit.
Der Pulsatilla-Typus ist wahrhaft abhängig,
– Abhängigkeit ist eines der Kernsymptome von Pulsatilla. Cyclamen-Menschen glauben in
Wirklichkeit, daß die Welt von ihnen abhängt, auf sie zählt.
Cyclamens Anwesenheit in der Rubrik "Abneigung gegen
Gesellschaft, besser wenn alleine" (aversion
to company, amel. when alone) ist ja nicht typisch für den Pulsatilla Zustand.
Die Pulsatilla-Pflanze bietet auch einen
ganz anderen Eindruck. Zwar hat sie
ebenfalls einen leicht geneigten Kopf aber der große Unterschied zeigt sich in
den Blumenblättern. Anstatt zurückgelegt
- wie die Ohren eines kauernden Hundes - strecken sie sich trichterförmig nach
vorne, so wie ausgestreckte Arme sagen "Halte mich".
Es wirkt eher wie die
Erscheinung einer halb geöffneten jungen Blume, nur daß die Pflanze relativ alt
sein muß um sich zur besser bekannte Stern-Form zu öffnen.
Es gibt einen weiteren
Aspekt des Cyclamen-Zustandes, der
als Kern-Symptom gewertet werden kann. Es handelt sich dabei um die
Selbstbetrachtung, die Introspektion.
Das erste Mal wurde mir
das im Fall einer Frau bewußt, die mir regelmäßig mitteilte, daß sie immer
darüber nachdenkt wie sie sich fühlt, daß sie sich fortwährend selbst
analysiert.
Sie wacht jeden Tag auf
und fragt sich "wie fühle ich mich heute ?". Sie hörte damit auf, nachdem sie mit Cyclamen behandelt wurde. Cyclamen
findet sich in der Rubrik "Selbstbetrachtung" (introsprection), auch in der Rubrik "in Gedanken
versunken" (absorbed, buried in
thought). Alle meine Cyclamen-Patienten zeigten sich als
milde Personen. Von dem bis jetzt
gesagten kann man sich vorstellen, daß milde Persönlichkeiten am ehesten in
einen derartigen Zustand kommen.
An diesem Punkt sollte
man die körperlichen Symptome berücksichtigen.
An welche Arznei denken Sie, wenn Sie folgende Symtome vorfinden:
Durstlosigkeit
Abneigung gegen Fett
Verschlimmerung nach Schweinefleisch
Amenorrhoe mit Anschwellen der Brüste
Nehmen Sie noch ein
paar der oben genannten Geistes-Gemüts-Symptome hinzu und die Chancen des
Patienten, Cyclamen zu erhalten haben
sich beträchtlich verringert. Denn
natürlich denkt man zuerst an Pulsatilla,
aber es sind ebenso Cyclamen-Symptome. In einem solchen Fall kann die Reaktion auf
frische Luft ein hilfreiches differenzierendes Symptom sein, da Pulsatilla und Cyclamen hier gegensätzliche Modalitäten aufweisen. Pulsatilla
fühlt sich besser an der frischen Luft, Cyclamen
schlechter.
Hierin haben wir eine
wichtige und nützliche Differenzierung zwischen Cyclamen und Pulsatilla,
auf die in den Schriften der alten Meister oft hingewiesen wird.
An diesem Punkt könnten
sie villeicht denken, daß es egal ist, ob man Pulsatilla oder Cyclamen verabreicht, da beide Arzneien
so ähnlich sind.
Nach meiner Erfahrung
wird jedoch Pulsatilla in solchen
Fällen manchmal etwas helfen, aber meistens passiert nichts - eine vollständige
Heilung wird in einem Cyclamen Fall
mit Pulsatilla nie zu erzielen sein.
Die vorrangige
Affinität gilt dem Kopf, Magen und den weiblichen Geschlechtsorganen.
Cyclamen kann Iris oder Kalium bichromicum ähneln, da es
Kopfschmerzen mit vielerlei Sehstörungen aufweist: Flackern, Schimmern, Blitzen, Funken vor den Augen. Schwindel ist
ebenfalls ein wichtiges Merkmal des Mittels: als ob sich der Raum oder
Gegenstände im Kreis herumdrehen, wirbelnder Schwindel. Schwindel besser in einem Raum, schlimmer an
der frischen Luft.
Man findet Katarrhe,
meistens fließenden Schnupfen mit Niesen, gemeinsam mit verschiedenen Knochen-
und Gelenksproblemen; die Gelenksschmerzen sind schlimmer beim Sitzen und
bessern sich durch Herumgehen. Es ist
auch ein Mittel gegen Akne.
Salziger Geschmack im
Mund, Schluckauf, Aufstoßen, Übelkeit, Erbrechen. Abneigung gegen Fett, Abneigung gegen und Verschlimmerung durch
Schweinefleisch, Abneigung gegen Butter und kaltes Essen.
Profuse Menstruation,
zu häufig, geronnen, schwarz. Menstruelle Migräne mit Sehstörungen,
unterdrückte Menses, Anschwellung der Brüste, besonders nach der Regel.
Eine verheiratete Frau,
geb. 20/8/1926. Sie leidet an
Depressionen, Panikattacken, Verdauungsstörungen und einen wunden Mund mit
ständig schlechtem Geschmack. Sie war
zu nervös um alleine aus ihrer Heimatstadt anzureisen. Fühlte sich erschöpft und mutlos, beim Aufwachen
am Morgen ausgelaugt und unmotiviert.
Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen und nahm Valium schon seit
mehreren Jahren. Sie hatte eine
Landkartenzunge mit einer Fissur in der Mitte.
In den vergangenen fünf
Jahren verlor sie ihren Ehemann, ihre Schwester und eine nahestehende Tante -
und ihre Tochter hatte Probleme mit ihrer Ehe.
Sie fühlte sich mit ihrem Kummer sehr allein und fand es trotzdem
unmöglich, ihren Kummer mit jemanden zu teilen. So wie sie es ausdrückte, war sie sehr ärgerlich mit sich selbst
in einen derartigen Zustand geraten zu sein.
Sie beschrieb sich als "zu ihrem eigenen Nachteil viel zu
gewissenhaft", und als sie gebeten wurde mehr darüber zu erzählen meinte
sie, sie "haßt es, andere Menschen im Stich zu lassen". Diese Informationen erhielt ich in der
ersten halben Stunde unseres Treffens und sie betrafen bereits alles, um das
heilende Mittel zu finden. Trotzdem, es
dauerte 2 Jahre und 30 Seiten an Notizen bevor ich den Fall richtig analysierte
und Cyclamen als heilendes Mittel
verabreichte.
Zwei weitere
hervorstechende Eigenheiten im Leiden dieser Frau waren, daß ihre Stimmung
stark schwankte und sie sich ständig selbst analysierte. Ihre ersten Gedanken am Morgen waren
"wie fühle ich mich heute ?".
Die gewählten
Rubriken waren daher:
Kummer, versteckter
tadelt sich selbst
gewissenhaft in Kleinigkeiten
Wahnidee, hat ihre Pflicht versäumt
Stimmung, abwechselnde (moods,
alternating)
Selbstbetrachtung
Während des ersten
Jahres verabreichte ich Natrium-muriatikum
in den Potenzen 1M, 10M und 50M. Es
besserte ihre Verfassung jedesmal kurz, hielt aber in der Wirkung nie an und
half niemals ihrem Mund.
Interessanterweise paßt Natrium
muriatikum nicht einmal in die oben dargestellte, korrekte
Fallanalyse. Weiters erhielt sie Ignatia, Aurum, Staphisagria, Lycopodium
und Acidum muriatikum. Keines der
Mittel half.
Sobald sie aber Cyclamen einnahm, kam es zu einer
deutlichen Veränderung. Sie begann,
ihre kranke Freundin seltener zu besuchen, konnte ihr dafür aber gleichzeitig
eine bessere Unterstützung zuteilen.
Ihre Energien besserten sich, sie litt nicht mehr länger unter
Depressionen oder Panikattacken. Sie begann erfrischt aufzuwachen, ohne dauernd
nachdenken zu müssen wie es ihr geht.
Die Wundheit ihres Mundes besserte sich ebenfalls.
Die Besserung schreitet
fort und sie besucht mich nach wie vor, nur seltener. Ihre Probleme haben eine lange Geschichte und ich betrachte sie
noch nicht als geheilt, aber sie ist durch Cyclamen
ein anderer Mensch geworden.
Am besten kann man wohl
die ausgiebigen Notizen, die ich über die Jahre aufgenommen habe als Sammlung
von Zitaten wiedergeben, die die Geisteshaltung von Cyclamen aufzeigen:
"Ich hasse
es Menschen im Stich zu lassen, es kann mich über Tage beunruhigen"
"Ich
wünschte, ich wäre weniger mit mir selbst beschäftigt"
"Ich war
emotionell immer sehr reserviert"
"Ich bin zu
hart zu mir selbst; eine Freundin ließ
mich kürzlich im Stich und ich begann mir dafür selbst die Schuld
zuzuweisen. Ich fühlte, ich mußte etwas
getan haben, das es verursachte"
"Ich habe
eine Freundin die an Depressionen leidet und ich habe das Gefühl, daß es meine
Pflicht ist sie täglich zu besuchen und zu unterstützen. Es laugt mich sehr aus, aber als ich nicht
täglich hinging, konnte ich die Gewissensbisse nicht ertragen"
"Sie können
doch Menschen nicht einfach abschreiben"
"Ich habe
mir nie etwas aus Freizeitunterhaltung gemacht, denn ich wollte alles perfekt
machen, aber die Umstände haben das nie zugelassen"
"Der Mann
einer Freundin ist gestorben. Jetzt hab ich noch jemanden zu betreuen"
"Es fiel
mir immer schon schwer nichts zu tun.
Ich habe ständig diesen Gedanken im Hinterkopf, was ich noch tun
sollte"
Diese Krankengeschichte
ist nur eine von sieben klaren Cyclamen-Fällen,
die ich bis jetzt beobachtet habe. Darunter befanden sich akute, subakute und
chronische Fälle; und, so wie es mir scheint, haben sie zusammen mit dem
Repertorium und dem Studium der Arzneimittelprüfungen geholfen, das Cyclamen-Bild besser verstehen zu
lernen.
Die Zeitschrift The Homeopath kann unter folgender
Adresse bezogen werden: Society of Homeopaths, 2 Artizan Rd.,
Northampton NN1 4HU, UK. Tel. 44 604
21400; Fax: 44 604 22622
Übersetzung:
cand.med. Heli Retzek, Gablenzgasse 17/24,
A-1150 WIEN
[2]Rubriken-Übersetzung nach dem Synthetischen Repertorium (Haug Verlag), englische Orginal-Rubrik nur bei der jeweils ersten Erwähnung beigefügt.
seit Dez 2007