Ein miasmatischer Reisebericht

Heli Retzek

 

Publiziert im Sonderheft „Miasmatik“ der Homöopathischen Zeitschrift, Dezember 2003

 

Im folgenden Artikel möchte ich skizzieren, welchen Weg ich gegangen bin, um miasmatische Erkrankungen zu verstehen und die mir hilfreichsten Bücher auf diesem Weg beschreiben. Diese Übersicht kann weder wissenschaftlich noch vollständig sein, stellt sie doch ausschließlich meine „Reise zur Miasmatik“ dar.

In meiner Grundausbildung zum Homöopathen (ÖGHM) wurde das Thema „Miasmatik“ in wenigen Stunden abgehakt. Die durchaus interessanten Vorträge konnten leider kaum mehr leisten, als beispielsweise die Begriffe „psorisch“, „tuberkulinisch“ im Gedächtnis zu verankern, ein tieferes, über einige Schlagworte hinausgehendes Verständnis (z.B. „Sykotiker haben von allem zuviel“) wurde nicht vermittelt. Fasziniert von dieser „Geheimlehre innerhalb der Homöopathie“, versuchte ich weiterhin die „Miasmatik“ zu verstehen. Kaum jemand schien diese Thematik wirklich durchdrungen zu haben[i], selbst jeder bekannte Lehrer der aktuellen Homöopathie (z.B. Mazi, Ortega, Sankaran) hatte sich sein eigenes Verständnis zur miasmatischen Betrachtungsweise von Fällen zurechtgelegt. Klunker, der große Intellektuelle und Philosoph der Homöopathie, hingegen sprach den Miasmen jede zeitgemäße Existenzberechtigung ab und erklärte sie zu einem medizinhistorischen Irrtum. Die bekannten Simillimumsucher wie Müller oder Mangilavori sahen ebenfalls keine Notwendigkeit für die miasmatische Betrachtung. Von anderen, vor allem amerikanischen Lehrern wurden, dem Hörensagen nach, wiederum neue Miasmen eingeführt, wie das Östrogen-Miasma, Benzin-Miasma. Arzneimittel waren mal typisch psorisch mal wieder typisch sykotisch – je nach Literatur, insgesamt für mich eine verwirrende Ausgangslage.

Miasmen – eine Geheimwissenschaft?

Kurzum: Miasmen waren etwas Geheimnisvolles, wie die Lebenskraft selbst – undefinierbar und nicht klar einzuordnen. Miasmatiker schienen mit diesem „Tool“ auch ganz kleine Arzneien präzise verschreiben zu können. Das imponierte mir außerordentlich, denn ich konnte diese Verschreibungen oft mit meinem Wissen nicht nachvollziehen, das musste also einfach gut sein! Zudem war ich nach den ersten beiden Jahren der praktischen Tätigkeit und der erfolgreichen Anwendung des Similegesetzes als Grundlage homöopathischer Verschreibungen auf der Such nach neuen Impulsen. Nach 2–3 Jahren kamen einerseits Patienten, die man wesentlich gebessert glaubte mit Rückfällen oder neuen Krankheiten, andererseits blieben die nur mäßig gebesserten chronisch Erkrankten. Das Resultat war, dass sich tief chronische Fälle häuften und ich bei mir ein immer tieferes Verlangen verspürte, besser zu verstehen, was es eben mit diesen „chronischen Krankheiten“ und deren Therapie auf sich hat. Ging ich doch zu diesem Zeitpunkt meiner persönlichen Entwicklung – gestützt durch Ausbildung und viele Seminare bei „Gurus“ – implizit immer davon aus, dass ich nur das wirklich eine richtige Mittel finden musste damit der Patient dauerhaft geheilt bleibt. Ergo: war er nicht dauerhaft geheilt, war das Mittel falsch – so meine Einschätzung.

Die Chronischen Krankheiten von Hahnemann

Es war für mich eine Qual Hahnemanns Chronische Krankheiten (Band 1) zu lesen: Hahnemanns Tiraden gegen die Allopathen zeigten den Querulanten. Die knapp 100 Fälle in den Fußnoten belegten zwar die schrecklichen Leiden der damals Erkrankten, aber – was sollte ich damit? Seine Begeisterung über die „allumfassenden“ Psora, die aufgrund ihrer „tausendköpfigen Hydra“-Qualität ubiquitär sein sollte, konnte ich als Pragmatiker nicht nachvollziehen, denn, wenn etwas überall und immer vorhanden ist, was hilft mir das als differenzierendes Merkmal zur Therapie. Da konnte ich es doch gleich ignorieren?

Die Symptomensammlung der latenten und ausbrechenden Psora versetzte mich jedes Mal in Schlaf und die allerletzte Seite der Chronischen Krankheiten konnte als Rechtfertigung der Isopathie ausgelegt werden. Es gelang mir nur mäßig, den tiefen Sinn der miasmatischen Betrachtungsweise aus den Chronischen Krankheiten zu dekodieren. Klar war nur, dass sie irgendetwas mit einem Bruch des Simile-Gesetzes zu tun hatte und demnach z.B. die Psora wichtiger war als der Status quo, das aktuelle Bild des Patienten. Ich beschloss alle Informationen zur Psora zu sammeln und in meine Sprache und meinen Verständnishorizont zu übersetzen, was ich schließlich aus Zeitmangel nach einigen Seiten aufgab. Eine aktuelle didaktisch ausgezeichnete Arbeit, die dies nachvollzogen hat, möchte ich hier sehr gern empfehlen, die Arbeit von Carl Classen.

Da ich vor allem Praktiker mit geringer Begabung zum Philosophischen bin, legte ich Hahnemanns Chronische Krankheiten nach dreimaligem Lesen, vielen Unterstreichungen und Anmerkungen zur Seite und wunderte mich langsam nicht mehr, wieso sich jeder so seine eigene Interpretation zur Miasmatik zurechtgeschnitzt hatte. Aber: inzwischen durch die Sekundärliteratur besser gerüstet, erschauere ich rückblickend vor dem Genie Hahnemanns und der Tiefe seiner Entdeckung. Ich meine aber definitiv, dass die Chronische Krankheiten (Band 1) kein gutes Buch zum Einsteigen darstellen.

Die Chronischen Miasmen von J. H. Allen

Allens Miasmatik, die ich danach in der sehr gut verständlichen Übersetzung von Renée von Schlick durchgearbeitet habe, war spannend wie ein Krimi, vor allem durch die vielen Kasuistiken, unterstützt von einem kraftvollen, fast manischen Schreibstil. Andererseits gab es wieder endlos lange Abschnitte der folgenden Art: “ Risse sind gewöhnlich syphilitisch, können aber natürlich auch tuberkulös sein. Geschwollene, brennende Lippen oder Brennen und Jucken findet man bei der Psora. Wir sehen Ödeme, Schwellungen oder Aufgedunsenheit des Gesichtes, der Lippen, Augen und Lider bei tuberkulösen Leuten, vor allem morgens oder nach dem Schlafen. Beim Gesichtserysipel ist das psorische und sykotische Element gemeinsam beteiligt. Wir müssten die Behandlung vielleicht mit einem antisykotischen Mittel wie z.B. Rhus-tox beginnen, würden aber dann ein rein antipsorisches Mittel wie Sulfur gebrauchen, um die Heilung zu Ende zu bringen oder umgekehrt …“[1]. Leider steige ich bei dieser unmäßigen Mixtur von Fakten nach dem dritten Satz aus.

Voraussetzung für die Entwicklung eines Verständnisses für die Miasmen sind aufgrund der doch erheblichen Fakten: genügend Zeit (1-2 Jahre) und die Bereitschaft ein nicht unbeträchtliches Engagement einzubringen.

Zudem quälte mich in diesem Buch erneut eine Merkwürdigkeit, die sich durch viele der wichtigsten Homöopathie-Werke zieht: die lähmende Anhäufung religions-philosophischer Vorstellungen, eine Vermischung wichtiger Fakten und Beobachtungen mit persönlichen Lebensphilosophien, Verhaltensmaßregeln und Glaubensgrundsätzen, die dem Autor scheinbar lebenswichtig scheinen, aber überhaupt nichts mit der homöopathischen Theorie oder Therapie zu tun haben. Dies scheint mir fast Homöopathie immanent zu sein und hat mir schon viele homöopathische Standardwerke vergällt (Hahnemann, Kents Theorie, Allen, Ortega, Masi, vor allem Gienow), vermutlich weil ich an einer schlimmen „Philosophie-Narkolepsie“ leide[ii]. Jedenfalls: den Band II von Allens Miasmen-Werk, die Materia Medica, könnte ich ohne weiteres entbehren.

Miasmen – eine ganz wichtige Analysestrategie?

John Henry Allen gab viele Symptomen-Listen zu den einzelnen Miasmen an. Er ergänzte Hahnemann um ein klares Bild der Sykose und führte mit vielen Beispielen und Kasuistiken die Tuberkulinie („pseudo-psorisch“) ein. Obwohl ich langsam zu erahnen begann, dass Miasmatik tatsächlich eine ganz basale, wichtige Analysestrategie für einen Homöopathen darstellt, blieb mir die exakte innere Natur eines Miasma verborgen. Auch die praktische Anwendung schien mir noch viel zu komplex, ich vermutete damals mit Allen und Hahnemann eine simple Infektion als physischen Träger dieses Makels.

In dieser Zeit fand ich noch genügend Bestätigung für meine Vermutung, derzufolge das Wissen der Homöopathie wie eine Bibliothek anzusehen ist, in die jeder am Ende seines Lebens „sein“ Buch hineinstellt. In der Bibliothek wird das Wissen gesammelt und vermehrt deren Umfang, allerdings gibt es kaum übergreifende Berührungspunkte. Kaum jemand schien sich mit der kritischen Aufarbeitung dieses Wissens auseinanderzusetzen. Ich fand keine Synopsis, geschweige den ein Lehrbuch „miasmatischen Denkens“, welches die einzelnen Fäden wunderbarer und erfahrener Homöopathen zu einem wasserdichten und praktisch nützlichen Geflecht zusammensponn.

Es scheint mir, dass selbst 200 Jahre nach Auffindung der Homöopathie jeder Lernende den komplexen Weg vom Beginn bis jetzt mühselig durchschreiten musste, sich aus 20.000 Seiten „Standardwerke“ der homöopathischen Theorie die insgesamt 50 wirklich wichtigen Seiten herausarbeiten und schließlich in ein praxisrelevantes und handhabbares Konzept umarbeiten muss. Ich träume von einer Art kritisch-wissenschaftlicher Überschau, einer sozusagen vereinheitlichten homöopathischen Theorie inklusive Miasmatik, die didaktisch hervorragend aufbereitet ist, viele Kasuistiken, die die Theorie erst mit Blut füllen zur Thematik enthält und nicht zuletzt einem Buch in lesbarem Font und anregendem Layout.

Spinedis Seminare zur Psora und Sykose

Spinedis Seminare zur Psora und Sykose trugen viel zum Verständnis bei. Vermutlich werden die Miasmen-Seminare dieses akribischen und fleißigen Aufarbeitenden der homöopathischen Literatur als einer seiner wichtigsten Beiträge zur Homöopathie verbleiben. Spinedi lehnt sich eng an die fantastischen Artikel von Künzli in der AHZ zur Psora und Sykose an. Leider sind diese Seminare bisher nicht publiziert, Mitschriften können jedoch auf meiner Homepage runtergeladen werden.

Chronische Miasmen der Homöopathie von Mohinder Singh Jus

Von Schülern Mohinder Singh Jus (Jans, Ebnöther, Bauer) wurde nach seinen Vorlesungen das Übersichts-Skriptum Chronische Miasmen der Homöopathie zusammengestellt, das auf 31 Seiten die wichtigsten Erscheinungen der vier miasmatischen Hauptebenen nach dem Kopf- zu Fuß-Schema auflistet. Vor allem zum raschen Lernen der Symptomatik einzelner Miasmen aber auch zum Lehren der miasmatischen Ausprägungen finde ich dieses Skript sehr nützlich.

Wischners Konzeption der Homöopathie nach Hahnemann

An dieser Stelle sei auch M. Wischners Buch über Hahnemanns Konzeption der Homöopathie empfohlen. Wischner versteht es den historischen Kontext der Entstehungsgeschichte von Hahnemanns Krankheitsmodell umfassend herzuleiten, die Stärken und möglichen Schwächen aufzuzeigen. Leider bleibt es eine Literaturanalyse, wenn auch eine sehr fundierte, eine wahre Fundgrube an wichtigen Informationen. Wischner dringt selbst nicht tief in das homöopathische Gedankengut ein, wie er selbst im Vorwort schreibt, fehlt ihm hier die Praxis.

Miasmen – eine Möglichkeit zur Differenzierung der Arzneimittel?

Mittlerweile war mir klar, dass die Miasmatik nichts anderes war als ein Tool zur Differenzierung möglicher Arzneien für einen Fall. Im Anschluß an die Fallaufnahme – während dieser reift ein Verständnis für die miasmatische Ebene, auf der sich die aktuellen Symptome des Patienten präsentieren – muss differenziert bewertet werden (am schwierigsten war für mich immer das Erkennen der Psora aufgrund ihres breiten Wirkungskreise). Der Haupt-Wirkungskreis der verschriebenen Arznei soll demnach dem Hauptwirkungskreis der aktuellen Symptomatik entsprechen. Bei einem tief sykotischen Fall wird vermutlich Sulphur, auch wenn es die Totalität der Symptome vorschlägt, nicht die allerbeste Arznei darstellen. Ich benötigte wohl hunderte Teil- oder Fehlverschreibungen, um diesen Zusammenhang tatsächlich zu akzeptieren!

Symptomen-Lexikas und Repertorien

In etwa auf diesem Entwicklungs-Stadium benötigt der Adept der Miasmatik Hilfestellung bei der Einordnung von Krankheits-Symptomen in miasmatische Ebenen. Dazu dienen sog. miasmatische Symptomen-Sammlungen.

Barthels Miasmatische Symptomen-Lexikon

In dieser Zeit hatte ich am Tisch das Miasmatische Symptomen-Lexikon von Barthel liegen, ein kleines, aber wirklich wunderbares Büchlein. Das Symptomen-Lexikon ist im Prinzip wie das Repertorium aufgebaut, enthält allerdings nicht jede Detailrubrik, sondern nur die großen Rubriken. Durch die farbliche Hinterlegung wird eine Rubrik z.B. als eher psorisch, sykotisch gekennzeichnet. Barthel hat akribisch Hahnemann, Allen und Ortega als Quellen eingearbeitet. Für den Lernenden der Miasmatik ist dieses Büchlein sicherlich unentbehrlich.

Labordes Repertorium miasmatischer Symptome

Später hab ich Barthels Büchlein durch Labordes Repertorium miasmatischer Symptome ersetzt. Dieses ist im Inhalt vergleichbar, aber dank Löschpapier und grosszügigem Layout zu einem ordentlich (teurem) Buch gereift. Labordes Werk ist etwas ausführlicher und vor allem sind die Quellen angegeben.

Gantenbeins Symptome der primären und sekundären Miasmatik

Unbedingt muss ich an dieser Stelle das alphabetische Repertoriums-Skript von Markus Gantenbein erwähnen, dessen umfangreiche Arbeit ich außerordentlich schätze weil er viele klinische Begriffe und Diagnosen eingearbeitet hat. Für die Miasmen-Freaks interessant ist, dass Gantenbein die von Laborde eingeführte Unterteilung der „Pseudo-Psora“ in die sog. sykotische und syphilitische Tuberkulinie übernimmt.

Patels Chronic miasms in homeopathy in Kents Repertory

Patels Chronic miasms in homeopathy in Kents Repertory umfasst alle Symptome des Kent Repertoriums im dortigen Gliederungssystem mit 32 ausgewiesenen Quellen zu den Miasmen. Die diesbezüglich sicherlich ausführlichste Arbeit enthält außerdem eine ca. 100-seitige Einführung gespickt mit Zitaten aller bedeutender Autoren sowie Repertorisationsanalysen nach miasmatischem Schema als illustrierende Beispiele (Stand 1996).

Banerjeas Miasmentabelle

Der Vorteil dieses Heftes liegt darin, dass aufgrund der mehrspaltigen Tabellenform ein direkter Vergleich mit Kommentar der Hauptwirkungsrichtungen der miasmatischen Schwerpunkte im Kopf- zu Fuß-Schema gegeben ist. Die Sprache ist etwas moderner, es wurden in ganze Sätze formuliert, nicht nur Symptome aufgelistet.

 

Mittlerweile hat sich mein Gefühl für die miasmatische Zuordnung gefestigt und ich schlage kaum mehr nach.

Miasmen – die Theorie hereditärer miasmatischer Krankheiten

Einen Quantensprung im Verständnis der Miasmatik ermöglichten mir die Chronisch hereditären Krankheiten. Dieses von Risch und Laborde verfasste Buch, das ich sofort begeistert mehrfach an Freunde verschenkt habe, erscheint mir ungemein bedeutend, und ich könnte mir meine homöopathische Gegenwart nicht ohne dieses Buch vorstellen.

Risch – die Therapie chronischer Krankheiten

Insbesondere der Aufsatz von Gerhard Risch bringt eine ausgezeichnete Übersicht über die Entwicklung des Verständnisses zur homöopathischen Therapie chronischer Krankheiten. Erstmals fand ich hier eine ausgiebige Beschreibung von Hahnemanns Frühwerk Der Wundarzt, dessen Neuauflage längst überfällig ist. Nicht zuletzt aus dem auch von Risch dargestellten Grund, dass Hahnemann bereits 1785, noch bevor er das Similegesetz aufgefunden hatte, die Syphilis homöopathisch heilte. Als Anhänger Bönninghausens alter Schule erliegt Risch leider der Anfechtung einer verzerrenden, einseitigen und abwertenden Darstellung isolierter Aussagen von Kent. Ignoriert man diese Überflüssigkeiten, erhält man in diesen 130 Seiten einen hervorragenden geschichtlichen und theoretischen Hintergrund der Chronischen Krankheiten und dies in überzeugend kraftvollem Stil. Dabei kann sich der Leser der Darlegung der „ererbten miasmatischen Störung“ gerade durch das Wechselspiel von Kasuistik und Orginalzitaten und jeweils nachfolgender Zusammenfassung mit tabellarischer Übersicht des Präsentierten nicht entziehen. Neben Hahnemann werden Kent, Allen, Roberts, P. Schmidt, Burnett und andere Autoren bearbeitet und deren Beiträge präsentiert. Bönninghausen bleibt interessanterweise unterrepräsentiert.

Ein besseres verständnisorientiertes Werk für chronische Prozesse und vor allem deren Therapie hab ich bis heute nicht gefunden, inhaltlich wohlgemerkt – denn das Layout verdient diesen Namen nicht.

Laborde – Übersicht über die Miasmen

Der zweite Teil dieses Buches stammt von Yves Laborde und dient der Übersicht über die einzelnen Miasmen. Die Kapitel zur Syphilis und Sykosis (inkl. Vaccinosis) glänzen als gute Zusammenfassung maßgeblicher homöopathischer und medizin-historischer Literatur. Mein persönlicher Höhepunkt ist die Biographie des bekannten indischen Homöopathen R.P. Patel[2], dessen rezidivierendes Fibrosarkom mit Lungenmetastasen nur durch Wahrnehmung und Therapie einer hereditären Miasmatik ausgeheilt werden konnte, wohingegen die jahrelang vorher angewandte „normale Homöotherapie“ erfolglos blieb. Der Psora-Teil bleibt wie fast alles bisher zur Psora publizierte etwas diffus. Dies mag vielleicht daran liegen, dass seit Hahnemann kein maßgeblicher Autor die Psora erforscht und Hahnemann vermutlich Symptome verschiedener Miasmen in die Liste seiner Psora-Symptome übernommen hat und folglich die Trennschärfe zwischen Psora und den anderen Miasmen reduziert wird.

Laborde – die verschmolzenen hereditär-chronischen Miasmen

In der sich im Buch anschließenden Bearbeitung der sog. verschmolzenen hereditär-chronischen Miasmen kann nur das Kapitel zur Tuberkulinie überzeugen. Durch Exzerpieren des Grundlagenwerkes von J. Hollos zur latenten und larvierten Tuberkulose ist hier ein sehr dichter, äußerst plastischer und fantastischer Beitrag entstanden. Weniger glaubwürdig hingegen sind die Ausführungen zur sykotischen und syphilitischen Tuberkulinie[iii]. Laborde extrahiert diese Sonderformen aus Allens Angaben zur Pseudo-Psora, wohl um die Komplexität der verschmolzenen Miasmatik durch weitere Unterteilung zu unterstreichen.

Gerhard Risch hat bereits im ersten Abschnitt des Buches immer wieder drauf hingewiesen, dass Hahnemanns Hauptbeitrag eben darin bestand, zu erkennen, dass man nicht mit allen Arzneien miasmatisch verankerte chronische Krankheiten heilen kann, sondern nur mit bestimmten, besonders tief wirksamen „Antipsorika“. Wenn dann Laborde einige Seiten weiter z.B. Denys., Rosenbach., Sacch-Of., Spengler. als „Hauptmittel bei hereditärer syphilitischer Tuberkulose“ im dritten Grad ohne Referenz angibt, ist dies schlicht eigentümlich. Außerdem werden in diesen Abschnitten viele Aussagen mit sehr weitreichender erkenntnistheoretischer und therapeutischer Konsequenz im apodiktischen Stil ohne Quellenangaben präsentiert, was diesem letzten Drittel des Buches einiges an Qualität nimmt.

Die Kasuistiken zeigen dann schließlich das „Miasmatiker-Phänomen“ sehr deutlich: ausgiebige seitenlange familienmiasmatische Anamnesen führen zu nicht nachvollziehbaren Therapien z.B. mit Benzinum, Sol. oder Ferrum-picrinicum. Allerdings – um meine eigene Kritik gleich abzuschwächen – dienen die Kasuistiken nicht der Anschauung der miasmatischen Praxis, sondern nur der Darstellung hereditärer miasmatischer Belastungen. Das Fehlen jedes praxisrelevanten Teils in den modernen theoretischen Werken, das Zitieren von merkwürdigen Verschreibungen ohne jede harte Begründung hinterlässt bei mir immer große Verwirrung und die Frage: Geht es denn hier um eine bessere Therapie oder nur um eine Theorie? Wenn ich an die Klinik von Spinedi denke, in der gemäß den Forderungen Hahnemanns, die Risch so deutlich herausstreicht, die meisten Krebsfälle mit „ganz banalen Arzneien“ wie Phos, Sep, Sulph, Lach geheilt oder deutlich stabilisiert werden können, bleiben mir Verschreibungen wie z.B. Methylenblau, Ferr-Picr., Benzin ohne weitere Erklärung der Verschreibungs-Strategie verschlossen.

Trotz der beschriebenen Schwachpunkte bleibt dieses Buch für mich eine absolute Empfehlung.

Wege der praktischen Umsetzung

Inzwischen erkannte ich begeistert bereits beim Eintreten in das Behandlungszimmer das hereditäre Hauptmiasma. Hauptanzeigend waren oft Ausprägungen von Muttermalen, Warzen, Zähnen und Nägel. Bald hatten sich auch die Patienten meinem neuerworbenen Wissen angepasst und kamen mit auf großen Papieren aufgezeichneten Krankheits-Stammbäumen zur Erstanamnese! Besonders hilfreich für die Patientenführung erwiesen sich damals auch meine von Enthusiasmus getragenen Erklärungen, dass der chronische Schnupfen des Kindes aufgrund der sykotisch-tuberkulinischen Belastung des Großvaters väterlicherseits mit der sykotischen Grundbelastung der Mutter zusammenhängt und hier natürlich ein erhöhtes und unbedingt behandlungspflichtiges Krebsrisiko vorläge. Bald kamen Patienten zur „Behandlung von Miasmen“ in die Sprechstunde. Mittlerweile galt ich als ernstzunehmender Miasmatiker unter meinen Kollegen, ja ich musste sogar Kollegen miasmatisch behandeln.

Allerdings erhöhte meine vordringliche miasmatische Orientierung meine Verschreibungssicherheit ebenso wenig wie die Rate an Erst- oder Folgeheilungen. Dazu trug sicherlich bei, dass ich zum einen nach wie vor kein klares, durchstrukturiertes Behandlungskonzept aus dem mittlerweile gut geankerten Wissen um miasmatische Prozesse ableiten konnte. Außerdem war mir das vorher Sicherheit gebende Simile-Konzept durch miasmatische Verziehungen abgeschwächt. Ich behandelte schließlich vordringlich das Miasma!

Um das ganze weiter zu komplizieren sah ich auch wieder schwerste Fälle chronischer Krankheiten, die ich selber aufgrund klarer Analyse und eindeutiger miasmatischer Zuordnung mit diversen Antisykotika in höchsten Potenzen bombardiert hatte, und die supervidorisch[iv] dann aufgrund „irgendwelcher §153 Symptome“ mit Sulphur gesundeten.

Gienows dynamischer Miasmenbegriff

In dieser Zeit erschien nun Gienows „Arbeitsbuch Psora“ und gab meinem Miasmenverständnis eine andere Bedeutung. Künstler, Philosophen, Mystiker haben a priori meine Bewunderung, weil ihre Sprache oft so kodiert ist, dass es mir oft unmöglich ist, die wirkliche inhaltliche Relevanz zu extrahieren oder zu imaginieren. Und bei Gienow heißt das, sich durchzuarbeiten durch die etymologische aus der Bibel abgeleitete Bedeutung des Wortstamms der Psora, durch Wortspiele auf alte Werke der Kulturgeschichte und die hebräische und griechische Sprache, daneben die Übersetzung in die Terminologie der Miasmatik. Ferner durch inkarnationstheoretische Analogien projiziert auf kosmische Gesetzen bestätigt durch Zahlenmythologie, und im selben Atemzug durch Gerüst-Silikate und J.H. Allens Kernaussagen. Diese Strategie fand ich bisher nur im Februarmann des genialen Hypno-Psychotherapeuten Milton Erikson verwendet.

Schließlich begriff ich, dass diese mit Homöopathie und Miasmentheorie rein gar nichts gemeinen Interponate einer sublimen Hypno-Therapie dienen, welche meinen Geist öffnen sollte, um mich auf eine völlig neue und revolutionäre Sichtweise der Miasmatik einzulassen: Deren Implikationen konnte ich tatsächlich in manchen Fällen in der Praxis bestätigen.

Meine Übersetzung von Gienows Aussagen:

•              Miasmen sind Reaktionsdynamiken der Lebenskraft, d.h. innerhalb einer miasmatischen Ebene spielen sich Erkrankungen mit einer ganz bestimmten Dynamik ab. Diese Ebene entspricht einem metastabilen Zustand des Organismus.

Kann der Organismus diese Ebene nicht halten (Erkrankung nimmt zu), gibt es klar definierte Übergänge zur nächsten metastabilen Ebene, auf der sich nun das Krankheitsdrama in einer neuen, veränderten Dynamik abspielt. Dabei haben sich die Spielregeln geändert: „Wo vorher Entzündung vorherrschte kommt es zur Tumorbildung“ (Tub à Syk). Wird der Organismus gesunder kann er von einer krankeren Reaktions-Ebene in eine gesundere Übertreten. Dabei verändern sich erneut die Krankheitserscheinungen, es hat wieder ein Miasmen-Wechsel stattgefundenMiasmen –als spezifisches Reaktionsmuster der Lebenskraft

Gienow befreit den Miasmenbegriff von seiner „dinglichen“ Begrifflichkeit und damit von der magischen Vorstellung, man „müsse das Miasma behandeln“. Somit geht auch die Vorstellung verloren, man müsste eine Behandlung durchführen gegen eine „Besetzung“ des Körpers durch einen Keim, eine böse Kraft oder beispielsweise einen schlimmen Geist. Oder anders ausgedrückt, man müsse diese gleichsam böse oder auch zerstörerische Entität abwehren. Das klingt banal, entspricht aber vom erkenntnistheoretischen Hintergrund Hahnemanns Kunstgriff, das Symptom der Krankheit implizit als Ausdruck einer Störung der Lebenskraft zuzuordnen. Vor Hahnemann hingegen wurde eine Krankheit ähnlich „dinglich“ wahrgenommen“, als das eigentlich Schlechte und „Wegzumachende“ und von der Lebenskraft völlig unabhängig. Aus diesem banalen Umdenken heraus ergeben sich zwingend andere Behandlungs-Strategien.

Nach der Lektüre von Gienow denke ich daher: Befindet sich der Körper in einer sykotischen Reaktionslage, wird er (außer in §172 Fällen) vorzugsweise sykotische Störungsmuster produzieren. Wird die Behandlung gut geführt, muss irgendwann die Reaktionslage des Organismus aus der sykotischen auf die tuberkulinische, schließlich in die psorische Ebene geführt werden. Dies bedingt dann natürlich fast zwingend Krankheitserscheinungen einer benigneren Ebene, die Gienow als Heil-Reaktionen bezeichnet.

Gerade diesen „Ebenenshift“ kann man bei tiefer körperlicher Pathologie in der Praxis manchmal beobachten und Gienows Konzept hat sich schon mehrfach hilfreich im Verständnis des ablaufenden Prozesses bestätigt und damit auch die Arzneiwahl beeinflusst.

Gienow fordert mit seinem kunstvollen Argumentationsstil viel von seinen Lesern. Mehrere Freunde, denen ich begeistert diese Buch geschenkt hatte, scheiterten an Bibel, Griechisch und Inkarnationstheorie und gelangten nie zum genialen Kern des Buches, der in der Bearbeitung und Kommentierung jener 100 Fälle Hahnemanns aus den Chronischen Krankheiten (Band 1) liegt, an denen Gienow die ablaufende Reaktionsdynamik exemplarisch präsentiert.

Kasuistiken

Ich möchte dazu drei beliebige Fälle aus dem Buch von Gienow im Orginal zitieren (Hahnemanns Originaltext kursiv)[3]:

•              Einem neunjährigen Knaben hatte die Mutter den Grindkopf (Psora) eingeschmiert er verging, aber es folgte ein heftiges Fieber“
Beurteilung: hyperaktivierte Psora, die bei längerem Bestehen bleiben in die Tuberkulinie übergehen kann.

•              „Mädchen 12 Jahre alt. Krätze (Psora) wurde durch eine Salbe von der Haut vertrieben. Daraufhin Stickhusten mit Engbrüstigkeit (Tuberkulinie). Seitenstechen und Geschwulst (Sykose). Schwefel als inere Arznei brachte die Krätze wieder zum Vorschein. Und ausser der Geschwulst verschanden die Beschwerden.“
Beurteilung: bedeutsam an dieser Fallgeschichte ist die Tatsache, dass sich die tuberkulinischen Erscheinungen nach einer Sulphurgabe zurückentwickeln, nicht aber die sykotischen. Diese Tatsache spricht für die Idee der miasmatischen Fixierung. Denn wenn eine Erkrankung eine neue Ebene betreten hat, wie in diesem Fall die sykotische in Form der Geschwulst …, ist die Therapie in einer miasmatisch geringgradigeren Ebene unzureichend und kann den Krankheitsprozess in der höherliegenden Ebene nicht mehr beeinflussen, obwohl die anderen Erscheinungen sich ausheilen. So findet in diesem Beispiel eine Heilung der tuberkulinischen Beschwerden statt, nicht aber der sykotischen … die gehört nicht mehr zum Wirkungskreis von Sulphur.

•              „Ein fünfzigjähriger Mann, bei welchem nach Vertreibung der Krätze (Psora) durch Salben, allgemeine Wassersucht (Sykose) entstand, verfiel, als die Krätze wieder erschienen und so die Geschwulst verschwunden war, auf ein nochmaliges Krätze-Vertreiben durch Einschmieren plötzlich eine völlig tobende Raserei (Hyperaktivität Tuberkulinie mit Übergang in die Sykose), wobei Kopf und Hals bis zum Ersticken aufgetrieben ward (Sykose beginnende Syphilinie) zuletzt kam noch völlige Blindheit (Sykose Syphilinie) und gänzliche Harnverhaltung (Sykose) hinzu. Auf künstliche Hautreize (Miasmenbahnung=Aktivierung eines benigneren Vor-Miasmas) und ein starkes Brechmittel erschien der Krätz-Ausschlag wieder und die Zufälle verschwanden alle, nach dem sich der Ausschlag über den ganzen Körper verbreitet hatte.
Beurteilung: was an diesem Fall bemerkenswert ist, ist, dass eine Heilung, oder genauer gesagt eine Verlagerung auf die psorische Ebene zwei Mal gelungen ist. Normalerweise findet mit jeder Unterdrückung eine stärkere Verschiebung Richtung Syphilinie statt, was wir auch in dieser Fallgeschichte sehen können. Selten gelingt es diesen Prozess wieder rückgängig zu machen, was aber hier durch drastische Maßnahmen und die Miasmenbahnung über hautreizende Stoffe gelungen ist.

Interessant ist die Ableitung des Reaktionsmodelles aus Hahnemanns Fallschilderungen und der Aufbau einer geordneten Reaktionsabfolge. Ob diese insgesamt schlüssig und ausreichend differenziert ist, bleibt den zukünftigen Beobachtungen in der Praxis vorbehalten. Denn es lassen sich nämlich nicht alle Fälle mit diesem Modell analysieren.

Nach der Präsentation der Dynamik der Miasmen gibt Gienow eine inhaltlich ausgezeichnete Zusammenfassung der wahlanzeigenden Symptome der Psora. Wie alle Werke zur Miasmentheorie verbleibt der therapeutisch orientierte Teil gegen Ende des Buches dünn und hinterlässt einen hungrigen, leeren Bauch mit dem Wunsch nach Praxis, Verdichtung an Fällen, Relevanz, Anwendbarkeit angesprochener Miasmenbahnung, Heilmiasmen.

Gienows Sykose

Bei Gienows neuestem Werk über die Sykose stieg ich trotz großer Sympathie und Respekt aus. Denn ich hätte gerne 70 Seiten Inkarnations-Mythologie als Einleitung gegen 70 Seiten „Praxis und angewandte Miasmatik“ eingetauscht (ein einziger kommentierter eigener Fall am Buchende ist allerdings spannend).

Der theoretische eher „durchwachsene“ Teil enthält ausgezeichnet zusammengefasste Merkmale der Sykose (Allen, Laborde), denen allerdings mythologische Einschübe und genau jene Texte aus Labordes Sykose-Abschnitt dazwischen gestreut sind, die ich dort wegen ihres apodiktischen Ausdrucks mit Fragezeichen versehen hatte. Eine dreiseitige Arbeit über Meningokokken-Meningitis mit bewährten Indikationen steht völlig bezugslos im Text. Eine kleine Kasuistik einer fortgeschrittenen Pathologie, die sich eigentlich als Parasitose (nach Gienow) darstellt, wird dann mit australischen Blütenessenzen behandelt, bis die Patientin die Behandlung abbricht. Hier fällt es schwer sich ein Urteil zu bilden.

Ich mag aber aufgrund der wirklich ausgezeichnet zusammengefassten Sammlung der Sykose-Merkmale das Buch für den Suchenden empfehlen, den Rest verstehe ich weder in Absicht noch Inhalt.

Sankarans Miasmatik

Sankaran versucht ebenfalls durch Einführung von Metastrukturen der mühseligen Symptomenklauberei zu entgehen und gleichzeitig kleine Arzneien für die Arzneimittelwahl zugänglich zu machen. Ich fand viele seiner Überlegungen außerordentlich praxisrelevant, auch wenn mir seine aus der Miasmatik abgeleitete Terminologie hinderlich erscheint. Denn „seine“ Miasmen stellen nicht, wie die Begrifflichkeit suggeriert, notwendigerweise die „klassischen Miasmen“ dar, sondern präsentieren eine „Reaktions-Dynamik“ im mentalen Bereich.

Seine neuesten Überlegungen zu den Pflanzenfamilien sind brauchbar ausgereift, bedürfen aber sicherlich eine ebenso kritische Bewertung wie Scholtens Elements, wobei Kasuistikensammlungen in der Qualität von Mangialavori von großem Nutzen wären.

Nur nebenbei bemerkt: Sankaran hat sein früher so deutlich propagiertes Banalisieren lokalpathologischer Störungsphänomene im neuesten Werk anamnesetechnisch völlig ins Gegenteil verkehrt.

Mohinder Singh Jus Reise einer Krankheit

Nach jahrelanger Arbeit an den alten Klassikern stolperte ich über dieses „Lesebuch“ der Miasmatik, in dem die Thematik, ohne sie zu marginalisieren, gut verdaulich aufbereitet wird. Jus präsentiert alle akzeptierten klassischen Fakten der Miasmatik, inklusive der hereditären und ermöglicht ein tiefes und grundlegendes Verstehen, ohne den Kopf zum Rauchen zu bringen.

Eigentlich, ein hervorragendes Buch zum Einsteigen in die Miasmen-Theorie, viel besser geeignet, um ein durchsichtiges Bild der Bedeutung der Miasmen zu bekommen als Hahnemanns Chronische Krankheiten oder Allens Miasmen. Wirklich schade, dass es dieses wertvolle Werk nicht schon zu meiner Zeit gab. Das Übersichts-Skriptum seiner Schüler habe ich oben schon erwähnt.

Fazit

Es fehlt mir nach wie vor ein um religions-philosophische Aspekte bereinigtes Übersichtswerk, welches das bisher erarbeitete Wissen zur Miasmen-Thematik konzentriert, übersichtlich und in Lesefreude steigerndem Layout. Ein Werk, welches eine entsprechend Synthese ableitet und vor allem die immer noch offenen Fragen thematisiert. Dieses müsste sich für mich auch ganz eng an der Praxis und Umsetzbarkeit dieser Theorien orientieren. Es sollte viele Kasuistiken zum Erlernen, zum Üben und Vertiefen der Standpunkte enthalten. Wichtig: das Layout soll zeitgemäss & anregend sein[4]. Kurzum: Es sollte ein Buch sein, in dem die Therapie im Vordergrund steht, sich die Theorie also der Praxis unterordnet, nicht umgekehrt.

Empfehlungen zum Bestehen des Miasmen-Parcours

Müsste ich mir erneut die Thematik der Miasmen erarbeiten, würde ich von den mir bekannten Werken zunächst Jus Reise einer Krankheit lesen, dann die Chronisch hereditären Krankheiten von Risch und Laborde durcharbeiten. Spinedis Seminarmitschriften sind jetzt eine Fundgrube. Gienows Psora ist mit ihrem dynamischen Reaktionsmodell eine wichtige Erweiterung, Gienows Sykose (unter Ausblendung mythologischer Schmückungen) verdichtet den Wissensstand zu dieser Reaktionsebene. Allens Miasmatik wird nun zum erbaulichen Lesebuch, weil man den Stoff bereits beherrscht und sich der Feinheit der Gedanken und Kasuistiken widmen kann.

Das ganze entspricht einem etwa zweijährigem Programm, einem Zeitraum, der vor allem auch zur Verdauung des Angelesenen benötig wird. Wischners Buch müsste den historischen Teppich aufbreiten um schließlich jetzt, ganz am Ende, Hahnemanns Chronische Krankheiten wahrhaftig genießen zu können: als das unglaublichste Vermächtnis eines der unglaublichsten Denker der Kulturgeschichte!

Literatur

Claasen, C: Chronische Krankheiten und Miasmen. Miasmatik als Modell langzeitiger Krankheitsentwicklung. Ars Curandi, Karlsruhe, www.arscurandi.de

Gantenbein, M.: Gantenbein M.,

Symptome der primären und sekundären Miasmatik

zusammengestellt aus Seminaren und Büchern von Yves Laborde

156 Seiten Ringheftung Eigenverlag

Gienow, P: Homöopathische Miasmen: die Psora. Eine Lern- und Arbeitsbuch. Sonntag, Stuttgart 200o

Gienow, P:  Homöopathische Miasmen: die Sykose. Eine Lern- und Arbeitsbuch. Sonntag, Stuttgart 2003

Hahnemann, S.: Die chronischen Krankheiten, Bd.1. Haug, Heidelberg 1999

Klunker, W.: Vorwort zu Hahnemanns chronisch Krankheiten (Band1)

Laborde, Y: Repertorium miasmatischer Symptome. Müller und Steinicke Verlag, München 1992

Jans, L., Ebnöther, P., Bauer, S.: Chronische Miasmen der Homöopathie, Ringheftung Eigenverlag

Rehmann, A.: Handbuch der homöopathischen Arzneibeziehungen. Haug, Stuttgart 2002

Risch, G. Laborde, Y.: Die hereditären chronischen Krankheiten. Müller und Steinicke, München 1998

Sankaran, R.: The Substance of Homeopathy. Homoeopathic Medical Publishers, Bombay 1994

Sankaran, R: An Insight into Plants. Homoeopathic Medical Publishers, Mumbai 1994

Spinedi, D.: Seminarmitschriften Psora, Sykose, Tuberkulinie, Syphilinie (download unter www.homeopathy.at/spinedi). Die Seminartranskripte werden als Buch erscheinen.

Wischner, M.: Fortschritt oder Sackgasse? Die Konzeption der Homöopathie in Samuel Hahnemanns Spätwerk. KVC-Verlag Essen /2000)



[1] Allesn Miasmatik, S.149

[2] S. 295. s. auch den Hinweis auf das Original von Patel (S.####….)

[3] Die Kasuistiken sind in Gienows Buch wie folgt nummeriert: Fall 57 Fall 9, Fall 97. Die Beurteilung der Fälle sind ebenfalls Zitate des Buchs.

[4] ich kann es nicht oft genug betonen, dass das Layout eines Buches die Konzentration, Wahrnehmung und Aufnahmemöglichkeit ganz wesentlich beeinflusst. In der Homöopathie erscheinen immer noch teure Bücher mit Löschpapier, konzentrationsmindernde Schriften, unpassende Ränder, mangelnde oder schlicht fehlende Indizes, keine laufenden Überschriften, Bindung bei Büchern mit Nachschlagecharakter die beim 3ten Durchblättern zerfällt, oder Nachschlagebücher mit Taschenbuch-Umschlag, Druckbild zu leicht, schlicht ein untragbares Layout wie zu Gutenbergs Zeiten. Leider, das ist tatsächlich unbegreiflich, leider nicht nur in “ Selbstverlagen“ die meist sehr ambitionierte Werke herausbringen, sondern gerade auch in renomierten Homöopathie Fachverlagen. Solange dies von den Lesern nicht thematisiert wird, werden wir weiterhin – selbst   bei Kleinauflagen nicht gerechtfertigte Preise für diese oft unerträgliche Verlagsqualität bezahlen



[i] einzig Dr. Anton Rohrer, ehemaliger Präsident der Östereichischen Homöopathie schien in den 90ern für mich die Miasmatik tatsächlich inhaliert und verstoffwechselt zu haben.

[ii] das ist auch der Grund wieso ich bei Masi nicht über die ersten Seiten hinauskam

[iii] interessanterweise rechtfertigt gerade Gienovs dynamisch reaktives Miasmen-Modell diese Vorgehensweise indirekt, da Gienov einen “ Kurzschluss“ der Syphilinie zur Tuberkulinie (“ Spiegelmiasma“ ) unter Umgehung der Sykosis beschreibt.

[iv] damals wurde ich von Anton Rohrer (Ö) supervidiert, heute hilft mir XXX YYY

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Dr.med. Helmut B Retzek
Dr.med. Helmut B Retzek
Arzt für Allgemeinmedizin, multiple präventivmedizinische, schulmedizinische und komplementäre ZusatzausbildungenWissenschaftliche Arbeit und Forschungs-BeiträgeZahlreiche Artikel und VorträgeUmfangreiche Recherchen in der aktuellen medizinischen Forschung zum Zweck der Selbst-Weiterbildung und als Gedächtnis-Stütze.

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Dies ist keinesfalls beabsichtigt, die Website ist ein absichtsloses Weiterbildungsmedium von Dr. Retzek, der seine wissenschaftlichen Pubmed-Recherchen mit Kollegen unentgeltlich teilt. Dass diese Wissenschaftsrecherchen "das Standesansehen der Ärzte" verletzen könnte, war Dr. Retzek nicht bewusst, er bedauert dies zutiefst und entschuldigt sich bei den betroffenen Kollegen.

2 Kommentare

  1. Ina sagt:

    Hallo bin durch zufall auf Ihre seite gestoßen und habe mich wirklich gefreut, eine so umfangreiche rezession über die wichtigsten bücher zum thema zu finden. die meisten davon habe ich schon gelesen, mit ähnlichem gefühl dabei, und die anderen werde ich mir sofort organisieren.
    Ich würde gern die erwähnten mitschnitte auf ihrer webside/homepage?zu gemüthe führen, kann aber keinen link oä finden- bin allerdings was die datenhighways betrifft ein stümperhafter laie und bevorzuge es auch zu bleiben. Würden sie mir den link schicken? Ich bin ander s als die meisten über die miasmatik zur homöopathie gekommen, akutkrankheiten sah ich von je her (seit ich mich selbst damit beschäftige)als nicht wirklich existent (unfälle vielleicht mal ausgenommen) . Mickymouse homöopthie mit arnika und consorten betreiben ja heute schon die hausfrauen, und was dabei rauskommt, wenn man mit grippekomplexmitteln wie metavirulent 20 jahre lang jede erkältung erfolgreichh unterdrückt (ein aufgeklärter anthrop.hausarzt seit kindertagen)kann ich am eigenen leib berichten. Ich danke ihnen für diese wundervolle abhandlung und werde sie sofern ich das bewerkstelligen kann an meinen lehrer der shz und an meine mitschüler weiterleiten. Liebe Grüße Ina

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