Arzt-Interview – ein Auswanderer vergleicht
folgendes Interview ist – wie ich finde – folgerichtig, prototypisch und wegweisend.
http://www.nachrichten.at/nachrichten/politik/landespolitik/art383,762043
Kommentar Retzek
als “Wutbürger” muss ich ab und zu den Frust über die Inkompetenz der Verwaltungs-Führung rauslassen:
Wie überall – wo Politiker ihre Hände im Spiel haben – unterliegen wir in Österreich einer grossen, herrlichen Selbstlüge und Selbsttäuschung: “tollstes Gesundheits-System der Welt”, “beste Leistung”, “zwei-klassenmedizin ist eine Sauerei” usw usf. …..
und erlauben uns im Gesundheits-System denselben bürokratischen Schwachsinn wie sonst in diesem Staat: Ineffizienz und – das ist geradezu prototypisch für Österreich – Unverbindlichkeit und Verantwortungs-Delegation, den absoluten Reformstau – wobei, auch wie überall sonst im Operettenstaat, jeder Systemteilnehmer unzufrieden ist und es jederzeit 599 Vorschläge gibt, wie man es rasch und einfach besser machen könnte.
Ärzte wurden in ihrer Ausbildung – trotz ständiger Hinweise der Betroffenen – über Jahrzehnte zu reinen Systemerhaltern missbraucht:
Spritzentrotteln, Blutabnehmer, Infusions-Anhänger
danach zu Zettelschreiberlingen -
glaubhaft berichten meine Kollegen aus den Spitälern von 40-50% ihrer Zeit um Zetteln auszufüllen, schon in meiner Zeit – vor 15 Jahren war dies schlimm (besonders arg in Wien, dort war ein Turnusarzt nur der Stationstrottel der unantastbaren und unangreifbaren Schwestern).
“Eine Schreibkraft ist zu teuer!”
Dann müssen es eben die Ärzte machen, denn die sind die Verantwortlichen im System – die Schwestern können es nicht mehr machen, die verwenden schon bald 60% ihrer zeit in die Dokumentation ihrer Arbeit! (desswegen brauchen sie jetzt auch Matura als Krankenschwester).
Ausbildungen sind nicht standardisiert, es wird nicht nach klaren Codizes oder typischen Vorgehensweisen agiert sondern eben mehr nach Gefühl.
Dadurch ist letztlich die Ausbildung mangelhaft, desswegen die berufliche Unsicherheit gross, weil man sich eben nicht wirklich sicher ist als Arzt,
desswegen fürchten sich die Ärzte auch vor jeder externen Kontrolle, bestehen argumentativ auf “Individualität der Versorgung” usw,
weil sie eben auch im internationalen Vergleich wenig leitlinien-konform agieren können, weil niemand leitlinienkonform agiert, weil niemand leitlinienkonform agieren kann, weil er es nicht gelernt hat und es auch nicht gefordert wird.
Aufgrund mangelnder Leitlinien-konformer, schwacher u schlechter Ausbildung, Verheizen in Bürokratie, berufliche Unsicherheit sowie der absoluten Abhängigkeit während des gesamten Berufslebens,
(anfangs von einem allmächtigen Chef der die Ausbildungsrichtlinien diktiert, später von einem Kassen-System welches nicht Bedarfsgerecht sondern in der typisch österreichischen Weise die Einklassenmedizin (“Klasse bekommt nur der Herr Hofrat”) durchzieht)
schlechter frustrations-auslösender Bezahlung ist der “klassische Arzt” prä-burnoutig, desillusioniert und frustriert:
“seit Einführung der E-Card habe ich den Sommerurlaub gestrichen: da die GINA-Box zur Übermittlung des Patienten-Namens an den Hauptverband so viel Mietkosten braucht wie ich für den Urlaub verwendet habe.
Diese GINA-Box muss nämlich vom Neffen der damaligen Gesundheitsministerin mieten. Die ist auch enorm wichtig, denn die normale verschlüsselte Internetverbindung reicht zwar aus um Bankgeschäfte oder Aktienkäufe zu tätigen, aber ist nicht geheim und verschlüsselt genug um meinen unglaublich geheimen Patienten-Namen und dessen unglaublich geheimnisvolle Versicherungsnummer nach Wien zu senden” …..
wortwörtlicher Bericht von 3 praktischen Ärzten aus Linz, wurde mir abends während meiner Palliativ-Ausbildung erzählt. Einer der praktischen Ärzte meinte: “ich hab jetzt alle Angestellten entlassen, meine Frau macht jetzt mit mir alles alleine und ich behandle nur noch 800 Patienten, also die Hälfte der Patienten wie früher. Jetzt bleibt erstmals so viel Geld über, dass ich mir so ein Wochenend-Seminar leisten kann”.
Denn – wissen die Leute ja nicht – die Praktikerkollegen werden “degressiv bezahlt”: je mehr Patienten, desto weniger bekommen sie pro Fall. Aber: je mehr Patienten, desto mehr Angestellte – die aber nicht weniger wollen.
Pro Patientenbesuch bei einer 1400 Scheine praxis sind es €3,50 hat mir einer der Kassenkollegen vor Ort vorgerechnet.
Dass dieses System krankt ist überall bekannt, überall zu lesen – aber – wie österreich-üblich – gibts keine Möglichkeit der Optimierung, keine Möglichkeit des Streamlinens, jedoch eine Menge braver Politiker, die vom “besten Gesundheits-System der Welt” träumen.
Nebenbei erwähnt:
Österreicher haben im internationalen Vergleich eine der längsten Krankheitszeiten im Alter. Es gibt den sogenannten “präterminale Leidenszeit” – die Zeit in der sich der Mensch krank fühlt oder krank ist – die bis zum Tod andauert. In Österreich beginnt sie mit 65 und dauert im Durchschnitt 15 Jahre, dies trotz “bestem Gesundheitssystem der Welt”.




