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10.10.1915 - 04.04.1992
Biographie
- 10.Okt. 1915 geboren in St. Gallen. Vater und
Großvater waren schon homöopathische Ärzte.
- 1934-1941 Medizin-Studium in Zürich, Berlin,
Kiel und Paris.
- 1941-1945 Tätigkeit im Inselspital in Bern,
zuletzt als Oberarzt.
- 1946 Bei P. Schmidt in Genf. Künzli lernt die
durch Kent geprägte Homöopathie. (Materia Med., Repertorisation,
Kasuistik)
- 1947 Niederlassung in St. Gallen.
- 1957-1973 Mitherausgeber der Zeitschrift für
Klassische Homöopathie.
- ab 1962 Beginn der Lehrtätigkeit in St. Gallen
(Repertorisation-Theorie).
- ab 1971 Lehrtätigkeit in Frankfurt a. M.
- 1973-1986 Jährliche Kurse in Spiekeroog.
- seit 1977 Homöopathische Vorlesungen in
Drei-Jahres-Zyklen in den Räumen der Universität Zürich; Leitung
eines homöopathischen. Ambulatoriums mit 5 Ärzten.
- 04.04.1992 gestorben
Dr. med. Jost Künzli von Fimmelsberg führte nach
seinem Aufenthalt bei P.Schmidt (1946) eine gewisse
Hahnemann-Renaissance im deutsch-sprachigen Raum nach dem 2. Weltkrieg
ein. Das, was er dort und damit indirekt bei Kent und bei Hahnemann
gelernt hat, hat er festgehalten, ausgebaut und weitergegeben. Künzlis
„Schule" ist die Schule der wissenschaftlichen Homöopathie seit
Hahnemann. Er hat sowohl das Repertorisieren im dt. Sprachraum als
auch den Anamnese-Fragebogen nach Kent eingeführt. Ebenso hat er
als erster Kurse über Theorie der Homöopathie gehalten. 1946
Mitarbeit an Schmidts Übersetzung und Bearbeitung von Kents „Philosophy"
und eigene Herstellung von Q-Potenzen. 1973 Übersetzung (mit Kommentar)
von Kents „Philosophy" nach der franz. Fassung von P.
Schmidt:" Zur Theorie der Homöopathie-J.T. Kents Vorlesungen über
Hahnemanns Organon". 1986-1989 zusammen mit M. Barthel Herausgabe des
„Kents Repertorium Generale" mit Ergänzungen von 72 Autoren
und Künzlis Kennzeichnungen bewährter Rubriken und Mittel ( schwarze
Punkte). Ebenso zahlreiche Veröffentlichungen in der Allgemeinen
Homöopathischen Zeitung, der Zeitschrift für Klassische Homöopathie und
dem Deutschen Journal für Homöopathie.
W.B.
Von Dr. JOST KÜNZLI V. FIMELSBERG, (AHZ 1954/8 244-250)
“Und
sie bewegt sich doch”
GALILEI
In letzter Zeit sind, so scheint
mir, einige sehr wichtige Beiträge zum Psoraproblem geliefert worden, so
daß sich die erneute Aufrollung besagten Problems im Lichte moderner
Forschungen wohl rechtfertigt.
HAIINEMANN unterscheidet, wie wir
Heutigen,
A. Akute und
B. Chronische Krankheiten.
Nicht zu den Krankheiten gehören
die U n p ä ß 1 i c h k e i t e n (§ 150)' [ 11, d. h. seit kurzem
bemerkte einzelne wenige Beschwerden, denen mit einer kleinen Diät-
und Lebensordnungs-Anderung leicht beizukommen ist. Damit von einer
akuten K r a n k h e i
t gesprochen werden kann, muß im allgemeinen mehr weniger
Fieber sei es vorübergehend oder länger andauernd - festgestellt
worden sein.
Diese akuten Krankheiten
unterteilt HAHNEMANN in solche, die nur einen Menschen einzeln befallen
(I), da nur gerade er sich der krankmachenden schädlichen Einwirkung
aussetzte, und andere, die mehrere Personen auf einmal befallen (II), die
heutigen sog. akuten Infektionskrankheiten.
Beispiele für I haben wir in
akuter Erkrankung z. B. nach Überessen, zu reichlichem Genuß von etwas
Schwerverdaulichem oder von Alkohol, Tabak USW., Erkältung durch
längeres Frieren im Schnee, Überhitzung Übermüdung, traumatischen
Einwirkungen, wie z. B. Verrenken, Verstauchen, ferner nach heftigem Zorn
oder Schreck oder anderen psychischen Erregungen. Hier aber taucht schon
die Psora auf: Dem wirklich gesunden Menschen schadet auch etwas Frieren
im Schnee nichts, nur der psorisdie" wird nach her krank, hat nachher
einen Schnupfen, eine Pleuritis eine Pneumonie. Der wirklich Gesunde mag
ohne Folgen auch einmal eine reichlichere Mahlzeit ertragen, nur der
"Psorische" bekommt nachher eine Gallensteinkolik, eine -
Diarrhoe oder andere Beschwerden. Der wirklich Gesunde erleidet an
traumatischen Einwirkungen ganz Gehöriges, ohne dadurch krank zu werden,
d. h. Fieber zu bekommen, Eiterungen auftreten zu sehen usw, Ein Schreck
beim wirklich Gesunden verblaßt, ohne Amenorrhoe oder wochenlange
Verstopfung auszulösen, ein Zorn verraucht ohne apoplektischen Insult,
ohne Haemoptoe usw. usw. Beim Psora-Kranken wird durch solche
Einwirkungen das Gleichgewicht Erreger (Miasrna)-Wirtsorganismus
gestört zu Ungunsten des letzteren - ersterer kommt zum Zuge und
macht krank«. Wer widerspricht heute diesen Gedankengängen HAHNEMANNS?
Wohl niemand mehr. Zu seiner Zeit waren das freilich noch völlig
unbegreifliche Sachen.
Die Gruppe II, unsere heutigen
akuten Infektionskrankheiten - die sporadisch, endernisch,
epidemisch, pandemisch auftreten können - unterteilt HAHNEMANN in
solche, die immer ihren gleichen Charakter wahren, in jeder neuen Epidemie
z. B. immer wieder das gleiche feststehende Bild zeigen (a), das leicht
erkennbar ist,
und solche, die fast bei jedem
Auftreten wieder ein anderes Gesicht aufweisen (b).
Bei a haben wir die klassischen
Krankheitsbilder unserer typischen Infektionskrankheiten Masern,
Scharlach, Keuchhusten, Mamps, Pocken usw. - die den Menschen nur
einmal befallen und danach dauernde Immunität hinterlassen (a)
und der Cholera, des Gelben
Fiebers, der Pest usw., die den M enschen
mehrmals befallen können - sofern er eine erste Attacke übersteht
(ß)
Die Klasse b der
nichtfeststehenden akuten Infektionskrankheiten umfaßt unsere
sporadischen und epidernischen febrilen Atemweg-Affektionen (“febriler
Katarrh”,
,”Grippe”, “Influenza” usw.),
sporadischen und epidemischen febrilen Darmaffektionen und Leber-Darm-Affektionen
(Darm"grippe", “Durchfälle” usw.), Mund-Affektionen (z B ulcero-aphthöse
Stomatitiden) Anginen usw.
Nie treten sie gleich auf -
diesen Winter haben wir das, den nächsten wieder etwas ganz anderes. Das
Bild ist proteusartig.
Ist HAHNEMANNS Einteilung im
Lichte der modernen Epidemiologie so schlecht?
A. Akute Krankheiten
I. Nichtinfektiöse, den Einzelmensch= befallende
Krankheiten
II. Akute Infektionskrankheiten
a)
Feststehende, leicht und schnell zu erkennende
a) Lebenslängliche Immunität hinterlassende
b) Nur vorübergehende Immunität hinterlassende
b) Proteusartige, schwerer zu erkennende
B. Chronische Krankheiten
I. Chronische Vergiftungen und Erkrankungen infolge
anhaltender ungesunder Lebensweise
II. Chronische Infektionskrankheiten (da chronische
Infektionserreger deren Ursache)
a) Psora
b) Syphills
c) Sykosis,
Bei den c h r o n i s c h e n K r
a n k h e i t e n können wir die chronischen Infektionskrankheiten (II)
von den chronischen Vergiftungen und Erkrankungen infolge andauernder
ungesunder Lebensweise (1) unterscheiden.
Die chronischen Vergiftungen sind
im allgemeinen ja nicht allzu häufig, kommen aber immerhin doch vor.
Viele Fälle stammen aus der Industrie - das Gebiet der
Berufskrankheiten. Andere entstehen z. B. durch den andauernden Gebrauch
heroischer Arzneien - auch diese Klasse ist nicht etwa ausgestorbeh.
Die Hauptzahl der chronischen Krankheiten aber glaubt HAHNEMANN bedingt
durch
die chronischen Infektionserreger,
- allen voran das Psoramiasma. Über dies letztere wurde schon viel
gerätselt. Im Überblick wurde die Psora, d. h. also diese chronische
Infektionskrankheit und Ursache von allerverschiedensten chronischen
Krankheiten, wie "Nerven-Schwäche, Hysterie, Hypochondrie,
Manie, Melancholie, Blödsinn, Raserei, Fallsucht und Krämpfe aller Art,
von Knochen-Erweichung (Rachitis), Skrophel, Skoliosis und Kyphosis,
Knochenfäule, Krebs, Blutschwamm,, Afterorganisationen, Gicht,
Hämorrhoiden, Gelb- und Blausucht Wassersucht, Amenorrhoe und
Blutsturz aus Magen, Nase, Lungen, aus der Harnblase oder der
Gebährmutter, von Asthma und Lungenerweiterung, von Impotenz und
Unfruchtbarkeit, von Migräne, Taubheit, grauem und schwarzem Star,
Nierenstein, Lähmungen, Sinnen-Mängeln und Schmerzen tausenderlei
Art usw." (§ 80), etwa schon angeschaut als:
- "Krätze" und deren Unterdrückungsfolgen. Die
einen bezogen dies in engerem Sinne einfach auf unsere Scabies; das
"Miasma" sei die Krätzmilbe (Acarus scabiei). Andere
verteidigten die Ansicht, es handle sich schon auch um die eigentliche
Scabies, aber inklusive aller scabiesähnlichen Erkrankungen. Sie
stützen sich auf die Tatsache, daß zu HAHNEMANNS Zeiten der Ausdruck
Krätze« nicht nur für die echte Scabies verwendet wurde, sondern
daß man von scrofulöser«, gichtischer«, syphilitischer * « usw.
Krätze (Rummel 2), Tischner 3) sprach.
Zur ersten Ansicht ist zu sagen, daß ja wohl die echte Krätze
(Scabies) zu HAHNEMANNS Zeiten sehr verbreitet war, so wie sie es
heute noch z. B. in Paris ist. Aber die Anhänger dieser Hypothese
übersehen ganz, daß HAHNEMANN die Krätzmilbe schon kannte und als
pathogenen Faktor auch anerkannte, lange bevor dies schulmedizinische
Autoritäten der damaligen Zeit taten (FRITSCHE 4). Wie kann er sie im
Organon also plötzlich "Miasma" nennen? Er würde doch
"Milbe" sagen. Dann paßt der für Psora angegebene
Infektionsmodus doch auch gar nicht für die Krätzc (§ 80):
Infektion zuerst des ganzen Organismus, dann erscheint als erstes
sichtbares Zeichen der vollendeten Infektion ein typischer mehr oder
weniger ausgedehnter Ausschlag. Höchstens dieser Ausschlag läßt an
Scabies denken - hierher rührt wohl diese falsche Deutung.
- C. W. WOLF 20) vertritt die Ansicht, freilich hätten
echte Krätze und Psora miteinander zu tun, aber nur in dem Sinne,
daß die Krätze von einst zu unserer Psora geworden sei. Wie schon
gesagt, war die echte Scabies zu Zeiten HAHNEMANNS und früher sehr
verbreitet. WOLF glaubt nun, daß die jahrhundertelange Infektion der
Menschheit durch Krätze schließlich zu bleibenden konstitutionellen
Veränderungen beim Krätzeinfizierten, aber auch bei seiner nie einer
Krätzeinfektion unterliegenden Nachkommenschaft Anlaß gegeben habe.
Diese machten unsere Psora aus. Warum nicht? Auch ein Fall von
Syphilis in der Familie kann ja z. B. von Iridologen nodi in einigen
nachfolgenden Generationen aus gewissen Iris-Zeichen
nachgewiesen werden. Also kennen wir solch konstitutionelle Wirkungen
schwerer Infektionen.
- Andere sagen die Psora sei auf keinen Fall identisdi mit
der echten Krätze (Scabies), sondern nur ihr v e r g 1 e i c h b a r.
Da HAHNEMANN zu seiner Zeit überall auf Mißverständnis stieß, zog
er die Krätze als Vergleichsobjekt heran, weil diese doch allgemein
bekannt war. An Hand der Krätze wollte er seinen Kollegen die Psora
erklären (Fritsche ebenda
- Wieder andere meinten und meinen noch heute Psora könne
man die Folgen unterdrückter, von der Haut weggetriebener Ausschlage
nennen. Sie vergessen ab daß der Ausschlag selbst ganz eindeutig
schon ein Produkt weit fortgeschrittener Psora ist (speziell 55 80 und
201) - oder von Syphilis oder Sycosis, ich befasse mich in
dieser Arbeit speziell bloß mit der Psora.
- Ernster Suchende waren schon zu Leb zeiten HAHNEMANNs
nicht einverstanden da
mit, daß Psora = Krätze zu setzen Sei. So schrieb RUMMEL 5
schon die Krätze sei einfach die weitest verbreitete und
ansteckendste Gestalt der Psora. Und Hering 6) schaute den Aussatz
(Lepra) als älteste Gestalt der Psora an. Und auch Gross 7) zitiert
als Gestalten der Psora: Aussatz, Krätze Flechten usw. Die Psora ist
also ein viel weiterer Begriff als “Krätze”.
RUMMEL 8)9) gelangt in seinen Gedankengängen zur Ansicht, daß Psora
eine D y S k r a s i e sei, eine fehlerhafte Säfternischung. Dieselbe
erlaubt z. B. dem Krätzeerreger, der Milbe, sich festzusetzen. Wäre
die Säftemischung normal, verließe die Milbe die Haut ohne Folgen.
Rummel betont, daß, was man bisher scrofulöse«, ,lymphatische«,
gichtische", "herpetische, "rheumatische
Dyskrasie" nannte, eben die Psora der Homöopathie sei. Auch
HUFELAND 10) scheint von dieser Idee eingenommen gewesen zu sein,
schreibt doch auch er von “psorischer
Dyskrasie".
Dieser humoralmedizinische Standpunkt ist gewiß recht interessant und
speziell dem Kenner LUMIÈRESCHER 11) Werke wird er einleuchten. Aber
trotzdem glaube ich nicht, daß es HAHNEMANNS Standpunkt war, sagt er
dodi ausdrücklich, bei der Psora handle es sich um eine chronische
Infektionskrankheit.
- Liest man z. B. das Organon aufmerksam, ohne Kenntnis zu
haben von naclifolgend zitierten allerneuesten Werken, so kann man zu
der Ansicht kommen, Psora sei einfach mit D i a t h e s e" =
Neigung zur Ausbildung aller möglichen Krankheiten zu bezeichnen (z.
B. TEMPLETON 12)
Vor der Ansicht, diese Diathese sei eine konstitutionell verankerte
Anlage zu allen möglichen Erkrankungen hält einen zwar 5 81 zurück,
der aussagt, daß die Konstitution des Erkrankten ein die Psora
rnodifizierender Faktor also unbedingt übergeordnet sei. So stehen
wir mit dieser Diathese" etwas hilflos da - es ist ein
Ausdruck, hinter dein viel oder nichts verborgen sein kann.
- Auch schon vertreten wurde die Ansicht, Psora sei gleich
"Vererbung" (Z. B. Templeton ebenda oder
- Allergie« (PATERSON 13). HAHNEMANN aber sagt
ausdrücklich es sei eine Infektionskrankheit, so wie die Syphilis. Da
ist kein Zweifel.
- Noch andere glauben, Psora gleich Selbstvergiftung"
(Autointoxikation) setzen können, Selbstvergiftung aus Darrn-Stase
usw. Wieder ist derselbe Einwand wie bei 8 zu machen.
- Das zu HAHNEMANNS Zeiten Rätselhafte der Psoratheorie
führte sogar zu der Ansicht es handle sich dabei um die Erbsünde
(RINGSEIS 14 U.a.). So schön und tief die vertretenen Ideen sind sie
übersehen doch gewisse ganz reale Gegebenheiten. Schlußendlich
freilich wurzelt die Krankheit überhaupt in der Erbsünde. Aber die
Zwischenglieder bis zu diesem Urgrund dürfen wir doch nicht
vernachlässigen.
So bleiben uns nur noch Hypothesen die sich mit Erregern chronischer
Infektionskrankheiten befassen, übrig. Da denkt jedermann natürlich
an den
- Tuberkelbacillus (französische Homöopathie von heute,
Fortier-Bernoville 13). Er entspricht unbedingt vielen von
HAHNEMANNS Kriterien: Er ist ubiquitär -wenngleich die
Durchseuchung vor dem letzten Krieg z. D. in der Schweiz lange nicht
mehr den berühmten hohen Prozentsatz von einst einnahm. Er läßt
sich gut denken. Auch zu Hahnemanns Zeiten wird,in der Seite der
Spirochaeta pallida er eine sehr große Verbreitung gehabt haben.
Lesen wir noch Birchers Buch "Die maskierte Tuberkulose" 16)
so sind wir fast schon überzeugt von seiner allumfassenden
Wichtigkeit, Zweifel an seiner Identität mit dem Psoramiasma könnten
auftauchen, wenn wir wiederum in 80 lesen: er infiziert den ganzen
Organismus durch und durch dann zeigt sich als erstes äußeres
Zeichen seines Vorhändenseins ein mehr, und oder weniger starker
Ausschlag - oft sind es nur einige ganz wenige Effloreszenzen
mit typisch unerträglich kitzelnd wohllüstigem Jucken und
spezifischem Geruch, Wir kennen tuberkulöse Erscheinungen der Haut,
alle aber sind sehr different von dem hier Beschriebenen - nun
es könnte trotzdem sein, daß der Bacillus Koch auch obiges erzeugt.
Dann aber finden wir das Psoramiasma als Urgrund von Nerven-Schwäche,
Hysterie, Hypochondrie, Manie, Melancholie, Blödsinn, Raserei,
Fallsucht und Krämpfen aller Art, von Knochen-Erweichung
(Rachitis), Skrophel, Skoliosis und Kyphosis, Knochenfäule, Krebs,
Blutschwamm Afterorganisationen, Gicht, Hämorrhoiden, Gelb- und
Blausucht Wassersucht, Amenorrhoe und Blutsturz aus Magen, Nase,
Lungen, aus der Harnblase oder der Gebärmutter, von Asthma und
Lungenvereiterung, von Impotenz und Unfruchtbarkeit, von Migräne,
Taubheit, grauem und schwarzem Star, Nierenstein, Lähmungen, Sinnen-Mängeln
und Schmerzen tausenderlei Art usw." (§ 80). Kann man diese
Leiden alle wirklich ohne Zwang und Übertreibung dem Tuberkelbacillus
zuschreiben? Doch wohl kaum! Nicht einmal die eifrigsten Verfechter
der Tuberkuloseätiologie, wie etwa Bircher gellen so weit. Hierzu
treffen die schon erwähnten modernen Forschungen viel einleuchtendere
Feststellungen. Und noch ein Gegengrund: Viele neuere Forscher halten
die Tuberkulose auch für eine Superinfektion, die nur
haftet, weil der Boden schon durch eine Grundinfektion anderer Art
vorbereitet sei. Dies tönt für die Ohren des Homöopathie-Anhängers
sehr wohl.
Weiter vergessen wir eines nicht: Neben dem Tuberkelbacillus gibt es
doch auch noch andere bedeutende Erreger chronischer Leiden, die zu
bestimmten Zeiten und in gewissen Regionen vielleicht eine ebenso
große Rolle spielten wie heute der Kochsche Bacillus bei uns. Ich
denke z. B. an den Lepra-Erreger, an die Malaria-Plasmodien,
den Erreger der HODGKINschen Krankheit (malignes Granulom) (NEBEL17) USW.
So kommen wir nun endlich zu den dem Leser lange vorenthaltenen
neuesten AnSichten und Forschungen. Sie sind mir aus dem Grunde
aufgefallen, weit sie stark an HAHNEMANNS Psora-Theorie
anklingen, obwohl wahrscheinlich die beiden fraglichen Autoren von ihr
keine oder nur eine blasse Ahnung hatten.
- Da ist erstens das Buch K. v. Neergaards Die
Katarrhinfektion als chronische Allgemeinerkrankung" 18).
NEERGAARD vertritt darin die Ansicht, der Ubiquitäre Katarrherreger
und Erreger der Hauptzahl von Grippe"füllen, das Virus
KRusEDocur.z, sei nicht nur der Erzeuger aller möglichen Katarrhe,
sondern noch einer ganz großen Zahl anderer, und zwar speziell
chronischer Krankheiten, vor allen) der großen Klasse des
Rheumatismus«, welch letzterer heute in der Volksgesundheit gewiß
eine ebenso große*, wenn nicht größere Rolle als die Tuberkulose
und ihr Bacillus spielt. - In einer Reihe von Kapiteln handelt V. NEERGAARD die
verschiedenen Organsysterne unseres Körpers ab, mit den dieselben
betreffenden Krankheiten, die möglichst zwanglos dem Virus K.-1).
zugeordnet werden können. Auch für die Tuberkulose scheint dieses
Virus Schrittmacherdienste zu leisten -. es wäre also gerade
Bodenbereiter so einer Grundinfektion, wie oben erwähnt.
- Und nun kommt ein noch neueres Buch: W. v. BREHMER
"Die Siphonospora polymorpha v. Br."19) als Rapport über
des Autors - der schon Jahrzehnte an deutschen Instituten auf
dem Gebiet der Viren und Bakterien arbeitet - eigene
Forschungen. Es handelt sich bei diesem Erreger um den Krebserreger.
Auch er ist ubiquitär, schon beim Kleinkind kann er nachgewiesen
werden. Was seine Entdeckung so spät erfolgen ließ, ist einesteils
seiner Polymorphie zuzuschreiben er kann Virusform, Sporenform und
Stäbchenform annehmen - und andernteils seiner Biologie: Er
verlangt bei der Züchtung eine ganz spezielle
Wasserstoffionenkonzentration. Er ist, wie gesagt, im Blute sozusagen
jedes Zivilisierten nachzuweisen; die Stäbchenform nur bei
Krebsleidenden und Personen im Krebs-Vorstadium. Soll er wohl
harmlos sein, wenn er nicht in Stäbchenform, sondern in einer der
anderen Formen gefunden wird? Doch kaum! Wenn er so allgemein
verbreitet ist!
Gaehwiler ein Mitarbeiter V. BREHMERS, glaubt,
das Virus KRUSE-DOCHEZ sei nichts anderes als die Virusform der
Siphonospora. Dies würde die Sache sehr vereinfachen. Also wäre dann die
Siphonospora der eigentliche Grunderreger, das lang gesuchte
"Psoramiasmia"? Wir erwarten nun von der Bakteriologie die
Feststellung, ob wirklich GAEHWILERS Ansicht stimmt. Wenn sie nicht
stimmt, sind wir deswegen noch nicht verlegen. Denn wie steht's denn mit
unserer Sykosis? Immer hört man nur von Psora, dabei ist das Problem der
Sykosis noch gar nicht etwa eindeutig gelöst. Der Arzt, der die Sykosis-Symptome
kennt, sieht solche äußerst häufig. Daß der Gonococcus bei
betreffenden Patienten irgendwo gefunden werden könnte, glaubt wohl kein
Mensch. Aber das Sykosismiasma ist da, sagt HAHNEMANN. Was ist das? Eine
Virusform des Gonococcus, ni. W. unbekannt? Oder sonst irgendein Virus,
das in Zusammenhang mit der Gonorrhoe steht? Das Virus KRUSE-DOCHEZ
- denn unzweifelhaft enthält das von NEERGAARD entworfene Bild der
Katarrhalischen Toxikose gewisse Sykosezüge.
Was weiter im v. BREHMERschen
Buche interessant ist: Gerade bei Geisteskrankheiten, Psychoneurosen,
Neurasthenie sind speziell viele Siphonosporasporen im Blut. Bei den
häufigen Arthrosen (der Hüfte, der Knie, der Wirbelsäule usw.) hingegen
sind auch Stäbchen, wie bei bösartigen Tumoren, neben den Sporen zu
finden. - Und § 80 des Organon zitiert merkwürdig ausführlich
Nerven- und Geisteskrankheiten: Drei Zeilen neben acht für andere
Leiden. "Nerven-Schwäche, Hysterie, Hypochondrie, Manie,
Melancholie, Blödsinn, Raserei, Fallsucht und Krämpfe aller Art«
figurieren da. Und dann kommen gerade Knochenleiden, und dar-.in
anschließend gleich Krebs. Also stehen hier merkwürdigerweise Leiden an
der Spitze der Liste, denen auch im Buch v. Brehmers spezielle
Aufmerksamkeit gewidmet ist. Zufall? Immerhin ein merkwürdiger
Vorderhand lehnt nun die
"Wissenschaft« V.
BREHMERS Forschungsergebnisse noch ab, und auch v. NEEGAARDS Buch
erregte noch keine großen Wellen. Aber das ist man bald beinahe gewöhnt:
Sozusagen jeder bedeutende Fund, speziell in der Medizin, wurde zuerst
abgelehnt. Hier Und dort wird man sich aber gewiß damit befassen.
Für uns Homöopathen sind obige
zwei Werke deshalb so interessant, weil sie ganz genau auf HAHNEMANNsche
Spuren hinleiten. Hundert Jahre nach ihm kommen endlich Ideen zum
Vorschein, die er schon hegte und an die er glaubte. Gewiß wird die
Zukunft hier noch sehr wertvolle Erklärungen bringen. Jetzt muß ich noch
überall Fragezeichen machen, in fünfzig Jahren wird man vielleicht
wissen.
(Anschr. d. Verf.: St. Gallen, Schweiz, Rosenbergstr. 14
Literatur:
1)
SAMUEL HAHNEMANN: Organen der Heilkunst, 6. Aufl., hrsg. v. Haehl
Leipzig 1921, Schwabe
2)
FR. Rummel: Stapfs Arch f. homöop. Heilkunst 8, 1/30,
3)
RUDOLF Tischner Geschichte der Homöopathie, Bd. 2, S. 211, Leipzig
1939.
4)
Herbert FRITSCHE: Hahnemann, die Idee der Homöopathie, S. 249/250,
Berlin 1944, Suhrkamp-Verlag.
5)
Fr. Rummel: Stapfs Arch. 8, 1156.
6)
CONSTANTIN HERING: Stapfs Arch. 9, 2/143.
7)
G. W. Gross. Stapfs Arch. 7, 3/96.
8)
Fr. Rummel, Stapfs Arch. 8, 1/51.
9)
FR. Rummel: S t -,ipfs Arch. 9, 3/147.
10)
C. W. HUFELAND: System d. prakt. Heilk. 1805, 2/2/241.
11)
AUG. Lumiere: Grundlagen und Praxis der neuen Humoralmedizin.
Berlin-Leipzig-Bern 1937, Weidmann
12)
W. LEES
TEMPLETON: Brit. homeop. J. 1949, July/156.
13)
PATERSON: Some
Bacterial and Clinical Aspects of Rlicumatism. Brit. homeop. J 1935, Okt./18, zit. aus Brit.
homeop. J., 1949, July/156.
14)
RINGEIS: zit. aus FRITSCHE 4) S. 96 und 219.
15)
FORTIER-BERNOVILLE-
The Tuberculinique States and Hahnemanns Psora. Brit. homeop. J
1936, Okt./359, zit. aus Brit. homeop. J. 1949, July/155.
16)
W. Bircher-.
Die maskierte Tuberkulose. Züricb 1937, Wendepunkt - Verlag.
17)
NOBEL: Der Cyclus des Erregers des malignen Granulonis. Hodgkinsche
Krankheit. Lausanne 1943, Selbstverlag des Verf.
18)
K. v. NEERGAARD: Die Katarrhinfektion als chronische
Allgemeinerkrankung. Dresden Leipzig 1939, Steinkopff.
19)
W. v. BREHMER, Siphonospora polymorpha v. Br., Haag/Amper 1947,
Linck-Verlag.
20)
C. W. WOLF: Homöopathische Erfahrungen, H. 2, S. 11, Berlin 1860.
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Dosierung bei akuten nicht rapid tödlich verlaufenden
Krankheiten*)
Artikel ist erst tw. fertig bearbeitet !!!!! -
die Beispiele fehlen
Von J. KüNZLI
v. FIMELSBERG
Anmerkung:
1. Ich verwende das Zeichen > für Amelioration (Abnahme der
Beschwerdcn) und < für Aggravation.
2. Das Zeichen Acon. C.
30‘ (dreißig, hoch
1) hcißt (als
Beispiel) Aconit, 30. Centesimal-Potenz
1 Kügelchen.
Aus einer Homöopathenfamilie stammend, ist es
klar, daß ich selbst immer homöopathisch behandelt worden
bin. Mein Großvater war homöopathischer Arzt, mein Vater war
homöopathischer Arzt, und nach dem Tode meines Vaters hat uns meine
Mutter in unseren Krankheiten auch stets homöopathisch behandelt, da
sie durch meinen Vater recht ordentliche Arzneimittclkcnntflisse besaß.
Was nun aber das merkwürdige ist: Wir waren als
Kinder recht oft krank und unsere Schulabsenzen dauerten auch gar nie
weniger lang als die unserer allopathisch behandelten Mitschüler.
Die Homöopathie behauptet aber in ihren
größten Vertretern, daß die homnöopathische Behandlung zu einer
vermindcrten Krankheitsanfälligkcit führe und daß man homöopathisch
behandelt i. allg. schneller genese als allopathisch behandelt.
Da bestehen nun offenbare Widersprüche zwischen
diesen Behauptungen und meinen Erfahrungen am eigenen Leibe. Wieso mußte ich in praxis eine ganz andere Erfahrung machen?
Selbst in die Homöopathie eingedrungen,
beschäftigte mich dieses Problem intensiv, und ich gelangte zur Frage:
Sind durch meine Behandler eventuell Fehler begangen worden: Und worin
bestanden diese?
Einesteils ist ja gewiß manchmal eine
nicht ganz passende Mittelwahl schuld gewesen, daß wir so lange und so
oft krank gewesen sind. Dann
vermute ich auch sehr, daß HAHNEMANNS Psoralehre weder bei meinem
Großvater noch Vater das nötige Verständnis und die daraus sich
ergebende Applikation gehabt hat — verständlich im Zeitalter dcr großen
Allopathenprofessoren, des Aufschwungs der allopathisdien Medizin vor und
um die Jahrhundertwende, verständlich, wenn wir wissen, welch großen
Anhang die Spezifikerrichtung von FRIESSELICH, SCHRÖN etc. im süddeutschen und
schweizerischen Raum einst gehabt hat, verständlich, wenn wir die
allgemeine
*) Vortrag, gehalten am XVI.
Internationalen Homöopathiekongreß, Den Haag (Holland) 1952
Kritikasterei an HAnNEMANN in den
homöopathischen Journalen ihrer Zeit nachlesen.
Aber am fragwürdigsten
erscheint mir heutc die Art dcr Dosierung. Mir scheint nämlich ü b e r
dosiert wordcn zu sein.
Ich muß hier nun mein
Gebiet klar abgrenzen, damit cs keinc Mißverständnisse gibt: Ich
sprcche im folgenden nur von der Dosierung bci akuten, n i c h t rapid zum
Tode führendcn Krankheiten — also z. B. dcn üblichen Kinderkrankheiten,
Erkältungen, Husten etc., und nicht von Cholera, Diphtherie und weiteren
rapid tödlich verlaufenden Krankheiten.
Wie wurde nun bei uns
Kindern dosiert?. Nun, so wie es z. t. heute noch in HERIHNG-HAEHLS
homöopathischem Hausarzt steht, so wie wohl auch heute noch viele
homöopathischc Ärzte, ohne viel dabei zu denken, dosieren, so wie einst
ganz allgemein zu dosieren empfohlen wurde: Man löste i. allg. 3 Kügelchen
der 30. C-Potcnz in 1 Glase frischen Wassers auf und ließ alle 2 oder 3
Stdn. oder 3mal täglich etc. 1 Teelöffel voll davon einnehmen,
bei Besserung dann seltener. Auf diese Weise fuhr man oft recht lange fort
— 1, 2, 3 Wochen.
Hat diese Dosicrungsart
aber bei HAHNEMANN
selbst irgend einen
Anhaltspunkt? Hat HAHNEMANN so zu dosieren empfohlen? N e i n ‚ nie und nimmer!
Bei HAHNEMANN galt Zeit seines Lebens:,, Jede, in einer Kur
merklich fortschreitende und auffallend zunehmende Besserung ist ein
Zustand, der. solange er anhält, jede Wiederholung irgend eines
Arzneigebrauchs durchgängig ausschließt, weil alles Gute, was die
genommene Arznci auszurichten fortfährt, hier seiner Vollendung zueilt.
Dies ist in akuten
Krankheiten nicht selten der Fall.“
Weiters spricht HAHNEMANN an dieser Stelle dann von dcn den chronischen
Krankheiten, wo besondere Verhältnisse herrschen. Gelesen ist aus der 6.
Auflage des „Organon“, d. h. der letzten Auflage (1).
Die an mir geübte, so allgemein vcrwendete Dosierungsart geht also
nicht auf HAHNEMANN zurück,
sondern scheint ganz unvermerkt und so langsam eingeschmuggelt worden zu
sein und kein Mensch hat mehr etwas dabei gedacht. im Gegenteil, man
wähnte,, so noch recht reine Homöopathie zu treiben.
Historisch betrachtet, hat man
anfangs sicher HAHNEMANNS Vorschriften wörtlich befolgt. Davon zeugen all‘
die rapportierten Krankengeschichtcn z. B. in Stapfs Arch. Dann kamen die
Cholerajahre um 1830. Hier nun hat man zum erstenmal das Mittel häufig
repetiert, auch HAHNEMANN, z.B. Camphora alle 5 Min. (2). Und von
dieser Zeit ab gab es manche Ärzte, die auch in den andern, nicht rapid
tödlich verlaufenden Krankheiten akuter Art das MitteI häufiger
repetierten und n i c h t mehr
den obigen, von HAHNEMANN
sein ganzes Leben nicht
aufgegebenen Fundamentalsatz des Abwartens des Wirkungsendes befolgten.
Sie gaben das Mittel
in rein gefühlsmäßig für gut befundenen lntervallen und verschanzten
sich immer hinter dem Spruch, daß Arzttum Kunst sei, daß man da nicht so
strikte Regeln aufstellen könne. So repetierten sie das Mittel z. t. eben
wie oben erzählt in Wasserauflösung, oder sie repetierten es trocken.
HAHNEMANN war dies alles ganz genau bekannt und er hat alles nicht
etwa prima vista abgelehnt. Oh nein — immer gab es für
ihn nichts höheres als die Erfahrung. So hat er diese Methoden des
häufig Repetierens, die besonders durch PAUL WOLF (3) zur
Sprache gebracht worden sind, in jahrelangen Versuchen selbst geprüft.
Er gelangte aber zu andern Endresultaten als HARTMANN (4), IIARTLAUB (5), AEGIDI (6). Diese Endresultate liegen in der 6.
Auflage des „Organon“ vor. Bis heute hat sie praktisch niemand
beachtet, alles buch stecken beim Zustand von ca. 1835! Damals
hatte HAHNEMANN aber seine Erforschung des Problems noch nicht
abgeschlossen. Seine Äußerungen etwa im Vorwort zu BÖNNINGHAUSENS Repertorium der antipsorischen Arzneien (7) 1832
oder im 1. Band der 2. Auflage der „Chronischen Krankheiten“ von
1835 (8) sind nicht als definitiv anzusehen. Definitiv ist, was das „Organon“
6 brachte, darum war doch Madame HAnNEMANNd‘I-IERvILLY GonIeR so furchtbar — und für die Homöopathic tragisch |