Ärztemangel wird jetzt evident

 

Nachfolgendes VIDEO wurde von den LKH-Ärzten in Linz erstellt und präsentiert sehr deutlich, wie die aktuelle und v.a. die zukünftige Situation der Gesundheitsversorgung unter den Kollegen im im stationären Bereich wahrgenommen wird.

 

 

Nun, mich betriffts ja nicht, als Privatarzt bin ich mein eigener Herr und Meister meines Schicksales. Aber ich sitze immer wieder mit meinen hausärztlichen Kollegen zusammen und erlebe deren Lebenswirklichkeit.

 

Im niedergelassenem Bereich droht ernstes Problem

Die Arbeitszeiten der praktischen Ärzte sind absurd. 50-55 Stunden von Montag bis Freitag ist nach einer Umfrage unter den Kollegen „normal“.

Neben der Ordination (in welcher der Arzt regelhaft 2-3 Stunden täglich über die Öffnungszeiten Patientenkontakt pflegt) müssen die Ärzte Visitendienste, Altenheimbetreuung, Lebenshilfe, div. Untersuchungen usw. durchführen. Kaum einer meiner Kassen-Kollegen geht vor 20-21h aus dem Beruf nach hause. 7h – 21h mit kurzer Mittagspause, oft zwischen den Visiten ist handelsüblich.

Dass ich jetzt am Feiertag um 22h noch in der Ordi bin ist dann schon Privatvergnügen, denn mein letzter (Privat-) Patient hat mich um 20h50 schon verlassen, ich räume eben noch auf, erledige die 40 Emails die am späteren Nachmittag angefallen sind und schreib jetzt noch schnell diesen Artikel hier.

 

Wochentags-Bereitschaftsdienst zusätzlich

Hat der Hausarzt „Dienstbereitschaft“ bedeutet dies für den diensthabenden Arzt ARBEIT die ganze Nacht durch bis 7h früh, um dann wieder pünktlich die Ordination aufzusperren.

Im besten Fall hat man im Dienst Ruhe und kann sogar schlafen, im schlimmsten Fall – zB Grippe Zeit, Wetterwechsel usw – hat man alle 30 Minuten ein Telefonat und fährt 4-6 x aus um akute Erkrankungen zu behandeln.

oft unzumutbare Ansprüche von seiten der Patienten

Die Patienten hören es ja nicht besser: „sofort Arzt rufen“, „jederzeit erreichbar“, „bestes Gesundheits-System der Welt“ von unseren GanzWichtigen & GanzBerühmten in den Medien:

  • So durfte ich im vorletzten Dienst um 3h aufstehen, weil „ich bin erwacht und habe gesehen, dass ich jetzt einen blauen Fleck am Oberarm habe, das macht mir Sorgen
  • im letzten Diest durfte ich um 4h aufstehen, weil „die Mutti ist gestern aus dem Spital wegen Neuralgie / Gürtelrose heimgekommen. Sie will aufs Klo kann sich aber nicht aufsetzen, ich kann sie auch nicht hochsetzen. Wenn sie mal sitzt ist es eh kein Problem. Kommen sie bitte und helfen sie mir die Mutti aufzusetzen
  • du kommen, ich haben Fieber seit 4 Tagen – sonst stehen in Zeitung“ – um 0h 30 
  • „ich war heute schon beim Hausarzt wegen grippalem Infekt, der hat mich aber nicht am Herz abgehorcht, ich habe jetzt Angst wegen einer Herz-Entzündung“ (2h früh, der 70j Arzt Dr. Waidacher fährt tatsächlich hin und horcht das Herz ab, sucht jedoch 5min die Adresse, weil keine Hausnumer am Haus ist und der Patiente das Haus nicht beleuchtet hat).
    Um 4h früh erneuter Anruf desselben hysterischen Patienten: „könne sie nochmal kommen, ich glaube ich hab jetzt doch eine Hirnhaut-Entzündung“.

Selbst wenn man sich zur Wehr setzt und dies ignoriert und auf den nächsten Tag verweist: danach ist die Nacht vorüber – man innerlich kämpft das schlechte Gewissen „man ist ja schliesslich zuständig, der ruft auch nicht zum Spass an“ gegen den Ärger über die Zumutung.

 

  • Die Zumutung des Systems, welches erwartet, dass ich nach einem langen Arbeitstag die Nacht weitermache
  • und die Zumutung der Patienten die wegen Bagatellen anrufen oder ihre Erkrankung oft schon Wochen oder Monate haben und just jetzt in der Nacht eine Lösung erwarten.
  • die Zumutung der SPÖ, die durch die Verhinderung eines geringen Selbstbehaltes für derartige Leistungen keinerlei Steuerungs-Effekte ermöglicht, was derartige Anrufe sicher verhindern würde, und dem System-Missbrauch Vorschub hält. Frau GRISS, untersuchen Sie doch mal den Gesundheits-Sektor!!!!

Am nächsten Tag soll man konzentriert in der Kassenpraxis 30-50 Leute ansehen und jedesmal schwierige und geistig anspruchsvolle Entscheidungen in Akkordzeit vollziehen,

Am Ende dieses Tages (20h) hat er dann vom Vortag morgen (6h30-7h) bis jetzt durchgearbeitet, was 36-38 Stunden entspricht. 

„Der Arzt war so unfreundlich“ „keiner hat richtig Zeit“ – so klagen die Damen und Herren Frühpensionisten häufig.

 

Wochenende – Ärzte müssen weiter Dienst machen

durchschnittlich 1,2 x pro Monat darf dann der praktische Arzt im Bezirk Vöcklabruck nochmal Dienst absolvieren für 12 Stunden, Hälfte Nacht, hälfte Tag.

Am Wochenende, an dem er ja normalerweise seine Buchhaltung und Abrechnung machen sollte.

Der Ärmelschoner aus der Amts-Stube muss sich dann ja von seinem stressigen 38h Job erholen,

der Lehrer hatte diese Woche auch schon 16 harten und stressigen Wochenstunden und benötigt dann wegen seines Kopfschmerzes eben auch den Arzt,

denn dieser hat sich während der Woche vermutlich gut ausgeruht und kommt daher gerne am Wochenende zu ihm nach Hause, denn „die Frau ist mit dem Auto weg“ – „ja, inzwischen ist sie schon heimgekommen, ist aber schön dass sie trotzdem gekommen sind, darf ich ihnen einen Kaffee anbieten (nein danke, ich hab noch 8 Visiten auf der Liste) ….“.

 

Insgesamt erhöhen die Dienste die durchschnittliche Arbeitszeit der Ärzte auf ca 70 Stunden / Woche, etwa 48 Wochen im Jahr, eine Jahresarbeitszeit die ca. bei 3000 Stunden liegt, ich kann das desswegen sagen, weil ich es jetzt mal nachgerechnet habe.

 

Probleme von Politik einfach – aber kränkend – ignoriert 

Im Spital Vöcklabruck wird im Jahr 2015 wieder mal 37 millionen Euro investiert.

Die Anfrage eines hausärztlichen Kollegen bei der Bezirksbehörde, ob es denn nicht möglich wäre zB 1 Million (einmalig) in eine anständige zentrale Ordination für die niedergelassenen Ärzte für die Bereitschaftsdienste zu investieren, bekam er als Antwort „nein, keinesfalls, wozu auch“.

„weil dies an sich notwendig wäre um unter halbwegs anständigen Bedingungen am Wochenende Dienst absolvieren zu können, derzeit sind wir bei der Rettung in einem 12qm Raum eingemietet. In einer richtigen Ordination könnten 2-3 Ärzte parallel für den gesamten Bezirk Dienst machen und Visite fahren“.

Antwort: „wird es sicher nicht geben“ – „wieso nicht“ – „weil ihr es so und so machen müsst, egal wie die Bedingungen sind!“

Genau diese Einstellung „ihr seid sowieso da, ob müde oder nicht, ob 50 oder 70 Stunden, wen interessiert das schon“ ist ein zusätzlich demotivierender Faktor! 

 

Maximal-Arbeitszeit laut EU seit 2004 bei 48 Wochenstunden

In Vöcklabruck ist der älteste Praktiker 70 Jahre alt, der jüngste jetzt 53 Jahre, die andern so dazwischen.

In diesem Alter wird jedenfalls vom oben zitierten Bezirks-Politiker selbstverständlich vorausgesetzt, dass wir 70 Stunden und mehr, fast jede Woche eine Nacht zur Verfügung stehen, fast jedes Monat ein Wochenende zur Verfügung stehen.

 

Es finden sich keine Nachfolger mehr

Früher wurden die Praxen weitergegeben, die Abfertigungs-Zahlung des Nachfolgers entsprach praktisch der Abfertigungszahlung, die ein Angestellter bekommt und war Teil der Lebensverdienstsumme.

Heute ist es sehr schwierig Nachfolger zu finden, denn kaum einer der Jungärzte „tut sich das an“ und wenn einer kommt zahlt er sicher keine Abfertigung – wozu auch, die Kassenverträge werden ihm „nachgeschmissen“.

Nur: in der Schweiz verdient er das doppelte mit korrekten Arbeitszeiten, fast genausoviel in der BRD, in Norwegen, England usw usf.

 

Prophezeiung: Hausärzte werden bald nur noch „Dienst nach Vorschrift“ machen

ich persönlich sehe eine Lawine auf unser System einbrechen: die Hausärzte, mit denen ich immer wieder am Tisch sitze, sind derartig frustriert, demotiviert von den Umständen und „am BurnOut“, dass sie einfach nicht mehr können.

Die Demotivation wird verstärkt durch die oben zitierten politischen Impertinenzen, die frechen Ansprüche derjenigen, die eigentlich dazu da wären um sie zu schützen und zu unterstützen und den Hausärzten aber einen Rahmen und ein System zur Verfügung zu stellen, wo die Ärzte ihr zweifellos vorhandenes grosses und persönliches Engagement mit geringsten Reibungsverlusten im System einbringen und umsetzen können.

Ich prophezeie, dass die Kollegen bald einfach „Dienst nach Vorschrift machen“.

  • Ich höre beständig Sätze wie „nach 36 Stunden durchgehender Arbeit steigt mir ja jede Versicherung aus, wenn ich einen Unfall baue, weil ich so übermüdet bin“
  • „ich werde in Hinkuft pünktlich um 19h zwei Viertel Wein reinhauen, dann bin ich nicht mehr fahrtauglich und sie müssen mir eben die Patienten in die Ordination bringen, mir ist das einfach egal, ich kann einfach nicht mehr“
  • „ich hebe einfach nicht mehr das Telefon auf, mir ist das jetzt einfach egal“

 

Katastrophe droht

derzeit 68-70 Wochenstunden reduziert auf 48 Wochenstunden?  Wie soll das gehen?

 

48 Wochenstunden ist sicher nicht genug?

Was würde der Herr Lehrer und die Frau Ärmelschoner zu 48 Wochenstunden sagen?  48 Wochenstunden in einer übervollen Praxis, draussen im Wartezimmer 30 Leute sitzend, alle 10 Minuten dazu noch ein Telefonat? Dann schnell noch 30 Leute im Altenheim anschaun? Gemütlich?

Na, da macht man gern noch so einen Nachtdienst drauf und dann das Wochenende, um Herrn Frühpensionist und Frau Akademisches Jahr zu hause zu besuchen, weil sie tagsüber oder unter der Woche keine Zeit gehabt haben. 

Volle Praxen? Weil im degressivem Bezahl-System je mehr Patienten der Arzt hat umso weniger pro Patient bezahlt wird. Mehrarbeit wird also mit Minderbezahlung belohnt, ist für die Kassen günstiger den Schlüssel so hoch zu setzen, dass jeder Arzt um 50% überbucht ist.

Genug Ärzte in Österreich laut ÖGKK („am meisten Ärzte in Europa“): ja schon, unter Hinzuzählung der Wahlärzte, Spitalsärzte, Betriebsärzte und Fachärzte – die alle keine Dienste im Hausarzt-System machen.

 

Wenn also unsere Hausärzte nur noch 48 Wochenstunden machen, fehlen plötzlich mindestens 15-20% der bisher geleisteten Arbeits-Stunden im hausärztlichen Bereich.

Wer jemals in einer richtigen Hausarztpraxis gesessen hat, kann sich vorstellen was dies bedeutet.

Rechnet man dazu, dass in den nächsten 10 Jahren – zumindestens im Vöcklabrucker Raum – ca 50% aller Hausärzte in Pension gehen,

die allermeisten „Nachfolger“ aber in die Schweiz und in die BRD oder ins Spital mit „ordentlicher Bezahlung und geregelten Arbeitszeiten“ abgeworben werden,

kann man sich vorstellen, was dies für das System bedeutet!

 

Betroffene Politiker ignorieren den Unmut

Die Vöcklabrucker Kassen-Kollegen der Umgebung haben seit Wochen eine Ankündigung bei den Behörden eingereicht: 

es wird ab 1.1.2015 keine Wochentags-Bereitschaftsdienste nach 19h mehr mehr geben.

Reaktion bis jetzt: keine! 

Über „Fairness bzw. Ungerechtigkeit als bestimmender sozialer Faktor“ habe ich eine eigene Website geschrieben.

 

Unter viel Mühe hatten sich in den letzten Monaten die 60 Kollegen des Grossbezirks zusammengerauft und bieten während des Wochenendes parallel 5 Ärzte auf, die in insgesamt 4 aufeinanderfolgenden Schichten Dienst machen, was pro Mann und Nase ca. 1,2 Wochenend-Schichten pro Monat bedeutet.

Bis jetzt kam es zu keiner Reaktion ausser einem Nörgel-Leserbrief eines Gemeindebediensteten. 

OÖN Ärzte HÄND Leserbreief

„Herr Frickh ist meines Wissens nach Dienstnehmer der Gemeinde Frankenburg und seines Zeichens für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig (Was er, wie zu lesen war, ja auch gemacht hat…)“ (Mitteilung Dr. Schlömmer)

Wäre sehr interessant zu erfahren, wieviel Nachtdienste unter der Woche sowie zusätzliche Wochenend-Dienste zusätzlich zur „stressigen Arbeit“ von 38 Stunden so ein Gemeindebediensteter pro Jahr leistet!

Herr Frickh, die Ärztekammer kann nichts machen, sie entscheidet im wesentlichen nichts selber, hat genausowenig Einfluss im Gesamtsystem wie der Gesundheits-Minister. Es ist eigentlich unfassbar wie in der Operette ein Bereich regiert wird, der fast 20% des BNPs umfasst. Frau Griss, bitte hinterleuchten sie doch mal die Hintergründe für derartiges Managment?!

 

Kommentar eines Hausarztes aus der Nähe von Frankenburg zum Leserbrief
… genau, und bis jetzt ist der Arzt für den Frankenburger aus Frankenburg gekommen. Aber auch erst nach einer Stunde, weil er vorher noch 5 andere Patienten anschauen musste wegen einer Verkühlung seit 5 Tagen. Dann ist er gekommen und hat ein Rezept geschrieben, mit dem der Patient dann in die diensthabende Apotheke nach St. Georgen fahren musste, um zu seinem Medikament zu kommen.
 
Darüber hat sich nie jemand beschwert.
 
Aber meistens gehts ja auch nicht um die Medikamente, denn die sind eh zuhause gebunkert. Das wichtigste ist der rasche moralische Beistand!
 
Auf jeden Fall werden sich Arzt- und Apothekenbesuch künftig logistisch besser verbinden lassen, weil sich auf dem Rückweg vom Arzt sicher eine offene Apotheke findet – um auch mal wieder ein positives Argument einzubringen!
 

 

Bin ich froh, dass ich als Wahlarzt nicht im Kassensystem arbeite!

 

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HeliR
HeliR
Arzt für Allgemeinmedizin, multiple präventivmedizinische und komplementäre Zusatzausbildungen. Wissenschaftliche Arbeit und Forschungs-Beiträge. Zahlreiche Artikel und Vorträge. Umfangreiche Recherchen aus der aktuellen medizinischen Forschung. Mässige Legasthenie, daher Rechtschreib- und Beistrichfehler

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